Das Aachener Stadtbad

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Ende der 1980er Jahre erwarb der Aachener Designer Asghar Adami das Stadtbad am Blücherplatz, nachdem es schon länger verwaist war. Seit 1930 diente das Haus weniger betuchten Bürgern zur Körperpflege. Auf zwei Etagen konnte man Wannenräume oder Duschkabinen für kleines Geld mieten, um sich gründlich zu reinigen, da in den meisten Mietwohnungen noch keine Bäder vorhanden waren.

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Der gebürtige Perser, den es aus Studiengründen nach Aachen verschlagen hatte, wollte zunächst zusammen mit einem bekannten Aachener Galeristen und einem damaligen Szene-Gastronom aus dem Frankenberger Viertel ein privates, kleineres Pendant zum damals kurz vor der Eröffnung stehenden Ludwig-Forum in der Nachbarschaft schaffen. Leider kam es aus verschiedenen Gründen nicht dazu, was aber in der Folgezeit vielen Kindern zugute kam, da die Räume 25 Jahre lang als Kita genutzt wurden. Nach deren Umzug nun holte Adami die Pläne wieder aus der Schublade, denn er hatte sie nie endgültig verworfen, sondern nur verschoben. Vieles hatte sich aber in dem Vierteljahrhundert getan: Die Galerie und das Bistrot gibt es nicht mehr, neue Geschäftsmodelle sind als Antwort auf neue Bedürfnisse entstanden. Dennoch sollte das Haus auch jetzt ein kreativer Pool werden, in dem Leute sich begegnen, arbeiten und auch feiern.

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Betritt man heute das Stadtbad, leuchtet über dem Eingang ein überdimensionaler Duschkopf mit der Silhouette der Karlsbüste. In Anlehnung an das zur legendären Disco umgebaute Schwimmbad in Paris leuchtet auch hier der Schriftzug Bains-Douches.

Entlang des Eingangsflures werden großformatige Fotos von Duschszenen aus bekannten Hollywoodfilmen von zu Strahlern umfunktionierten Duschköpfen beleuchtet. Beim Durchqueren einer kleinen Schleuse –ähnlich einer Fußwanne- wird per Lichtschranke das Geräusch einer Wasserdusche ausgelöst, und man schiebt erschrocken, aber erleichtert, weil trocken, einen Duschvorhang zur Seite um in die Empfangshalle zu gelangen. Hier fällt das Auge sofort auf eine Nische, in der eine Originalwanne mit Füßen steht, die mit einer mattierten Glasscheibe abgedeckt und von innen wasserblau beleuchtet ist. Hier wurden früher die Mietmarken gelöst. Darüber wurde bei den Bauarbeiten ein Wandgemälde entdeckt mit Badeszenen und Anleitungen im damals modernen Bauhausstil. Was davon zu retten war, wurde von Adami freigelegt, der Rest jedoch nicht restauratorisch ergänzt, was das Werk noch authentischer und eindringlicher macht.

In einer anderen Raumecke steht eine weitere Originalwanne, hier jedoch längs halbiert und mit bequemen Polstern bestückt. Die schmalen Türen zu den ehemaligen Kabinen sind noch erhalten, wurden aber mit Bullaugen noch mehr thematisiert. Lediglich die Trennwände wurden entfernt, um veritable Arbeitsräume zu schaffen. Ebenfalls erhalten sind die gelben Wandfliesen und der graue Terrazzofußboden. Was nicht mehr vorhanden war, wie zum Beispiel Leuchten, wurde mit Originalen aus der Zeit der 1930er Jahre ersetzt.

Der dem Erdgeschoss angeschlossene Garten wurde mit Sand, typischer Bepflanzung und Möblierung ebenfalls dem Thema Wasser angepasst. Hier sollen die Nutzer eines möglichen Gemeinschaftsbüros die Seele baumeln lassen und schöpferische Kraft tanken können. Eine andere Art von Entspannung bietet das Untergeschoss: Dort, wo früher in großen Kesseln das Wasser vor dem Hochpumpen mit Kohle erhitzt wurde, ist eine Bewirtungszone der besonderen Art entstanden. Beleuchtet von zu vermeintlichen Aquarien umgebauten Kellerlichtschächten kann man hier in den noch tiefer liegenden, ehemaligen Maschinenkeller blicken, bei dessen Anblick jeder Betrachter eigene Nutzungsfantasien entwickelt. Überall fallen die Blicke auf wiederverwendete Materialien aus dem Umbau: Geländer aus Wasserrohren, Knaufe aus Drehventilen, Griffe aus Armaturen.

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Im Obergeschoss sind weitere Arbeitsräume mit sehr individueller Note entstanden, welche die Nutzfläche auf insgesamt 360 qm erweitern. Auch von hier aus kann man ins Freie. Rund um das Glasdach über einer Halle im Erdgeschoss lädt eine Dachterrasse zur Erholung ein. Bei aller behutsamen Restaurierung ist dennoch an sämtliche Anforderungen einer modernen Bürokommunikation gedacht worden.

Faszinierend an diesem Umbau ist das Konzept beziehungsweise Konzert der leisen Töne. Nicht erst einmal mit dem Stemmeisen alles einreißen, um dann auf freiem Grundriss neu zu planen, sondern mit dem kreativen Auge eines Detailliebhabers das Potential des Bestehenden ausschöpfen. Nicht in einem Bau mit bemerkenswerter Geschichte eine monotone, weil möglichst nutzerneutrale Gestaltung auf dem Computer-Reißbrett entwerfen, sondern vor Ort sich mit ihm einzulassen und etwas wiederum Bemerkenswertes zu schaffen. Büro muss eben nicht immer wie Büro aussehen! Nach der Besichtigung des Stadtbades hatte ich die Möglichkeit, dem Eigentümer und für den Umbau verantwortlichen Diplom-Designer Asghar Adami zehn Fragen zu stellen.

Herr Adami, sie sind seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit Kostümentwürfen. Kommt daher Ihre Detailverliebtheit?

Beim Design sind für mich neben der Idee und dem Blick auf das Gesamte die Details von besonderer Bedeutung, denn erst durch eine sorgfältige Ausarbeitung aller Details wird ein Produkt zu etwas Besonderem. Dieser Aspekt gilt meines Erachtens für alle Designbereiche.

Woher beziehen Sie Ihre Ideen? Wo oder wovon lassen Sie sich inspirieren?

Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und lasse mich von allen Seiten inspirieren und beziehe Impulse besonders aus der Vielfalt der Natur, von unterschiedlichen Kulturen, von darstellender Kunst und nicht zuletzt durch Reisen. All diese Impulse die im Unterbewussten gespeichert sind, zeigen sich später in anderer Form in meinen Arbeiten.

Als Sie die Möglichkeit hatten, das Stadtbad zu kaufen, wussten Sie direkt, was Sie damit machen wollten?

Ja, ich habe das Objekt erworben, weil ich schon damals die Vorstellung hatte, das Stadtbad Aachen zu einem vielfältig nutzbaren Raum umzugestalten, der die Geschichte und Besonderheiten des Hauses aufgreift und heutigen Arbeitsanforderungen genügt.

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Die Räume sind sehr einladend geworden. Welche Zielgruppe genau haben Sie im Auge bezüglich der kommenden Nutzung?

In dem Objekt (circa 360 qm auf drei Etagen), welches jetzt gemietet werden kann, lassen sich Arbeit, Kreativität und kultureller Austausch ideal miteinander kombinieren. Von daher bietet es sich zum Beispiel an für Architektur-, Planungs-/Ingenieurbüros, Agenturen oder für Bürogemeinschaften (CoWorking), aber selbstverständlich auch für soziale und kulturelle Veranstaltungen.

Ist die Lage des Objektes dafür hilfreich?

Die Lage dieses Objektes ist ideal: Autobahnauffahrt ganz in der Nähe; Stadtzentrum fußläufig zu erreichen; großer Parkplatz direkt gegenüber.

Wird es möglich sein, auch für Nicht-Nutzer, also interessierte Besucher, die Räumlichkeiten zu besichtigen?

Bei kulturellen oder sozialen Veranstaltungen sind interessierte Besucher natürlich sehr willkommen; ansonsten auch nach Absprache.

Als Kostümdesigner sind Sie international tätig und unterwegs. Hat Ihrer Meinung nach Aachen das Potential, eine derart spezifische Nutzung erfolgreich zu platzieren?

Seltene Objekte, wie das alte Aachener Stadtbad sind in der ganzen Welt begehrt. Ich bin überzeugt, dass die Einwohner und Besucher der offenen Grenzstadt Aachen dieses umgestaltete Objekt annehmen und nutzen.

Gibt es schon konkrete Vorhaben in Sachen Aus­stellung­en oder sonstigen Veranstaltungen?

Gerade läuft die vom ehemaligen Leiter des Aachener Ludwigforums, Prof. Dr. Becker kuratierte Ausstellung „Wasser im Stadtbad“. Bei der Aachener Kunstroute 2016 am 24. und 25. September ist das Stadtbad dabei. Danach ist Weiteres in Planung.

Können Sie sich eine wie auch immer geartete Öffentlichkeitsarbeit aller Institutionen in Aachen, die noch Bäder sind oder an die Geschichte der Aachener Bäder erinnern, vorstellen?

Bad Aachen mit seinen verschiedenen Thermal- und Heilquellen versteht sich auch als Stadt des Wassers. Da das alte Stadtbad Aachen auch ein Teil dieser Aachener Geschichte ist, sind wir selbstverständlich offen für eine Zusammenarbeit mit Institutionen, die noch Bäder sind oder die an die Geschichte der Aachener Bäder erinnern.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Stadtbad.

 

Text: Rainer Güntermann

Fotos: Stadtbad Aachen

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