alles aus zucker

Ein Gartenbericht in der Winterausgabe? Vielleicht ist es in der Euregio Anfang Dezember noch zu früh für klirrend kalte Nächte, tiefe Nebelschwaden am Morgen über feuchten Niederungen und mittags drauf strahlenden Sonnenschein auf Frostkristalle. Aber der Winter kommt ja erst noch und mit ihm überall auch das jährliche Faszinosum von über Nacht gezuckerten Gräsern und vertrockneten Blütenständen in tief stehendem Sonnenlicht.

Man muss nicht gerade physikalisch interessiert oder bewandert sein, um jedes Jahr aufs Neue die kristallinen Strukturen von gefrorener Feuchtigkeit zu bewundern. Während des Tages angetauter Schnee, der über Nacht wieder neu gefriert und erstaunliche geometrische Strukturen bildet, die noch in der Mittagssonne wie geschliffene Diamanten funkeln. Hagebutten und Beerendolden, welche von einem Konditor nicht schöner in Zucker-Szene gesetzt werden könnten. Gräser und Halme, die einzeln überzogen sind mit feinsten Eisstrukturen. Ein Garten mit Pflanzen, deren verwelkte Blätter, vertrocknete Blüten und verdorrte Fruchtstände nicht vor Beginn der Frostperiode gleichsam dem Erdboden gleichgemacht wurden, belohnen den Betrachter nun mit einem glitzernden Schauspiel. Selbst am Vortag noch trist aussehendes Restgrün ist nach einer feuchten und sehr kalten Nacht von einem versöhnlichen Zuckerguss überzogen. Hatte man bis dato eventuell noch ein schlechtes Gewissen aufgrund noch nicht erledigter Gartenarbeiten, tröstet der faszinierende Anblick zumindest eine Zeitlang darüber hinweg. Und vielleicht nimmt man diesen friedlichen Eindruck ja zum Anlass, mit einigen „Rodungsarbeiten“ bis nach dem Winter zu warten, um während dieser Zeit noch öfter in den Genuss dieses Anblicks zu kommen.

Will man nicht alles dem Zufall überlassen und das beschriebene Erlebnis näher ins Blickfeld holen, kann man auch nachhelfen, indem man schön verblühte Zweige, Wedel, Gräser und dergleichen zu einem dicken Strauß bindet, in ein Behältnis ohne Wasser auf den Terrassentisch stellt und vor einer angekündigten, stark frostigen Nacht mit Wasser bestäubt – und schon macht sich der Zuckerbäcker an seine Arbeit. Im Übrigen haben bisher kaum beachtete Sträucher, Stauden und andere Pflanzen jetzt ihren großen Auftritt. Vor kurzem noch zum Teil verdeckt durch üppiges Grün von Hecken oder Sommerblühern drängen sich ihre Zweige und Fruchtstände nunmehr ungeduldig in den Vordergrund. So leuchten die roten Beeren der Stechpalme, auch Christdorn oder Ilex genannt, und die der Felsenmispel (Cotoneaster hybridus pendulus) jetzt um die Wette – falls die Singvögel etwas übrig gelassen haben. Auch Birkenstämme, die jetzt nicht mehr von der Laubkrone verschattet werden, leuchten in der Wintersonne, genau wie die Zweige des roten Hartriegels. In den laubfreien Bäumen bestimmen nun Mistelkugeln mit ihren glasig-weißen Perlen die Silhouette, und vor kurzem noch traurig anzuschauende Rosenzweige mit bräunlich-verwelkten Blüten trumpfen nun auf mit roten Hagebutten. Auch vertrocknete Distelblüten, die rostbraun verfärbten Fruchtstände des inzwischen kahlen Essigbaumes und der Fetten Henne, die blau-grünen Zweige des Eukalyptus-Strauches, die jetzt papiernen Blüten der Hortensien in ihren müden Farbnuancen, die orangenen Früchte der Lampionpflanze und des Zierapfels – sie alle prägen die winterliche Idylle eines Winter – Gartens.

Sind Hecken und Formbüsche nicht nur im Frühjahr, sondern auch noch einmal im Herbst sorgfältig zurechtgeschnitten worden, wird man bei Frost oder gar Schnee Zeuge einer geometrischen Zuckerwatte-Architektur, die dem Eindruck im Sommer in Nichts nachsteht. Mit fachmännischer Hilfe lässt sich eben auch ein beeindruckendes Winterbild des Gartens planen. Dann sehnt man sich beim Blick nach draußen auch gar nicht mehr so sehr den Frühling herbei, denn auch jetzt kommt das Auge voll auf seine Kosten. Zu viel des Guten ist aber auch im Winter den Pflanzen abträglich. Kann man im Sommer zuviel Sonne und Hitze nicht einfach abstellen und allein mit ausreichendem Gießen die Gewächse vor noch größerem Schaden bewahren, so besteht im Winter aber die Möglichkeit, bei zuviel Schneefall die Pflanzen von der zu großen Last zu befreien. Dies sollte man spätestens bei einer Schneehöhe von 10 Zentimetern auch tunlichst beherzigen, um Zweige vor Bruch zu schützen. Ansonsten heißt es im Winter aber nur: Sitzen, schweigen, genießen – im Idealfall am Kamin mit einem guten Roten…

Text: Rainer Güntermann

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page