ERIK OFFERMANN

Magische Landschaften – Diese beiden Wörter begegnen dem Kunstinteressierten immer wieder, wenn er sich mit den Arbeiten von Erik Offermann beschäftigt. Wir hatten die Gelegenheit, den Aachener Maler in seinem Atelier zu besuchen und ihm einige Fragen zu stellen.

Beim Betreten des Ateliers von Erik Offermann in der Mariahilfstraße in Aachen erfasst mich zunächst ungläubiges Staunen: Eine derart aufgeräumte Künstlerwerkstatt habe ich nicht erwartet und so auch noch nicht gesehen. Wären da nicht zumindest ein paar angebrochene Farbdosen auf einer quadratischen Palette, könnte man meinen, sich in einer Galerieausstellung zu befinden. Nach Roland Mertens, Eric Peters und Manfred Schieber stellen wir einmal mehr einen heimischen Künstler vor, den man mit seiner Malerei auf den ersten Blick ebenfalls mit dem Schlagwort Fotorealismus in Verbindung bringen könnte. Aber wie seine erwähnten Zeitgenossen hat auch Erik Offermann vor dieser vermeintlichen Genrezugehörigkeit seinen ganz persönlichen, auch in diesem Fall unverwechselbaren Stil gefunden und weiterentwickelt.

Erik Offermann, Am Rathaus, Öl auf Leinwand,100 x 100 cm

Erik Offermann, Stadtwald 1, Öl auf Leinwand,100 x 150 cm

Nach der Absolvierung der Aachener Fachoberschule für Gestaltung in der Liebigstraße zog es den 1956 in Aachen geborenen Künstler zunächst nach Köln, wo er von 1975 bis 1981 an der damaligen Werkkunstschule Malerei studierte und 1982 in die Meisterklasse von Professor Pravoslav Sovák aufgenommen wurde. Mit den Musikern der Kölschrockband BAP, die ebenfalls dort studierten, genoss er die Kölner Kunstszene und nahm an kleinen Gruppenausstellungen in Cafés und Kneipen teil, bis er 1982 den Preis des Kölnischen Kunstvereins gewann und im selben Jahr eine Ausstellung in der Orangerie vom Brühler Schloss Augustusburg hatte. Dennoch zog es ihn nach Aachen zurück, wo er durch Zufall die Möglichkeit bekam, in die erste Etage eines Dreifensterhauses in der Mariahilf-straße zu ziehen. Mit kleineren Ausstellungen in Galerien und den Verkäufen seiner Bilder vornehmlich an Bekannte und Verwandte schlug er sich durch, bis er mit einem Künstlerfreund auf die Idee kam, in den damals noch existierenden Karstadt-Galerien selbst entworfene Grafiken vor den Augen der Kunden auf einer dafür erworbenen Druckpresse zu produzieren. Der Verkauf lief derart gut, dass man in Köln wieder auf ihn aufmerksam wurde. Daher bot ihm 1999 die damalige Galerie Kunsthaus eine Einzelausstellung an, auf der seine ersten Stadtbilder von Köln gezeigt wurden. Bereits zur Vernissage waren alle Bilder verkauft, und es folgten viele Jahre der erfolgreichen Zusammenarbeit bis zur Schließung der Galerie. Durch Weitervermittlung an die Galerie Osper, gab es einen nahtlosen Übergang, und seither ist diese seine „Heimatgalerie“. Betrachtet man die Stadt- und Landschaftsbilder von Erik Offermann, so scheinen die Motive scheinbar zufällig ausgewählt zu sein, erst beim genauen Hinsehen sind die Bildkompositionen augenfällig und zoomen gleichsam das Auge heran, um das vermeintlich Bekannte und Vertraute näher zu erforschen. Obwohl der Horizont nie unendlich offen ist, wird der Blick in eine weite Tiefe gelenkt und die Landschaft dabei aufgesogen. Dies alles ist so stimmig, da bereits die Fotovorlagen nach diesen Kriterien ausgesucht und erstellt wurden. Durch die ganz eigene Art der unscharfen und verwischten Malerei verlieren die Fotografien ihre Realität, und das Bild bekommt eine geheimnisvolle Ausstrahlung, zu der auch die reduzierte Zweifarbigkeit von Blau- und Grüntönen beiträgt. Diese kühle Farbigkeit verstärkt bei seinen Meeresbildern das Gefühl des Beteiligtseins. Hier spürt man den Wind, riecht die salzige Luft, und der Betrachter lässt das Auge gedankenverloren bis zum Horizont schweifen.

Schon bei den Stadt- und Landschaftsbildern beschleicht einen das Gefühl, dass jetzt etwas passieren könnte, im Hintergrund ein Spaziergänger auf den Waldweg einbiegt oder ein Passant den Platz queren wird. Mit diesem Eindruck spielt Erik Offermann gekonnt in seiner Bildreihe „Hitchcock“. Hier kennt der filmaffine Betrachter bereits den weiteren Verlauf des abgebildeten Moments, weiß um die nächste Szene direkt im Anschluss. Die Spannung geht aber nicht verloren, sondern erfährt durch die unscharfe Malerei in monochromen Graunuancen noch eine Steigerung. Stilistisch nimmt er dabei wieder Bezug auf eine alte Bilderserie, in der er Fotomotive aus dem Familienalbum als Bildvorlagen genommen hatte. Ganz aktuell ist er aber wieder zurück in die Natur gegangen und hat gerade einige Bilder aus Aachen und der Umgebung fertiggestellt. Jetzt lässt sich auch das aufgeräumte Atelier erklären.

Erik Offermann, Vertigo 1, Öl auf Leinwand, 90 x 150cm ,2017, Nr. 994

Wie haben Sie Ihren ganz perönlichen Malstil gefunden? War das ein langer Prozess oder gab es einen konkreten Auslöser?
Gezeichnet und gemalt habe ich als Schüler schon gerne, nicht nur in der Schule, sondern auch in meiner Freizeit, wo ich, wie ich mich erinnere, das Beatles Cover „Revolver“ in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern auf ein Maß von, ich glaube, zwei mal zwei Meter per Raster übertragen habe. Ich entwarf Autos, futuristische Innenräume und malte perspektivische Landschaften. Also hatte ich nach meiner Schulzeit eine ganze Menge „Material“, mit dem ich zur Aufnahmeprüfung und Mappenvorlage zur Schule nach Köln fuhr. Professor Sovák nahm mich in seine Klasse auf, und ich lernte,wie man Radierungen herstellt und druckt. Begeistert war ich von seinen Landschaftsgrafiken, die eine gewisse Unschärfe hatten. Das war spannend, und viel später dachte ich, dass man so auch malen kann. Damit begann ich und es funktionierte. Das war, denke ich, ein entscheidender Auslöser.

Gehen Sie bewusst auf Motivsuche in bestimmte Landschaften oder spielt Ihnen der Zufall eines visuellen Eindrucks in die Hände?
Beides. Mal ergibt sich, wie zum Beispiel bei einem Spaziergang durch den Wald, am Meer oder in einer Stadt eine Situation, die man festhalten will, ein anderes mal geht man bewusst dorthin, wo man weiß: Das interessiert mich, das willst du malen. Das war übrigens der entscheidende Ratschlag, den ich von Sovák bekam, als man sich als Student erst einmal im „Niemandsland“ befand und alles Mögliche malte. „Gehen Sie dahin,wo Sie aufgewachsen sind, sehen Sie sich um, und malen Sie dann das, was Sie berührt.“

Entwickelt sich das Motiv während des Malens weiter oder wissen Sie bereits zu Beginn,wo die künstlerische Reise hingeht?
Ungefähr weiß ich das schon, aber nicht genau. Ein Foto, das ich mache, ist lediglich die Orientierung, das Malen aber geht darüber hinaus, ist also der Weg die Situation so zu zeigen wie ich sie empfunden habe.

Stört Sie die küntlerische Schublade „Fotorealismus“, in die Sie oft eingeordnet werden?
Was ich male ist kein Fotorealismus. Der Fotorealismus ist die exakte, fast überzogene Darstellung eines Fotos. Ich benutze,wie gesagt, das Foto als Hilfsmittel, male das Foto nicht ab und verzichte auf fotografische Details. Ich möchte einem Bild einen emotionalen Ausdruck geben. Die Verwischung bietet, im Gegensatz zum Fotorealismus, den Spielraum zur Interpretation, den Freiraum.

Hat die Beschränkung auf die beiden Farbspektren von Grün und Blau einen bestimmten Hintergrund?
Das ist tatsächlich oft, aber nicht immer der Fall. Ich denke man nimmt aus der Palette die Farben, die man mag und die zum jeweiligen Bild passen. Die Reduzierung auf wenige Farben gibt dem Bild einen sachlichen Charakter, der im Kontrast zur Emotionalität stehen soll.

Gibt es Vorbilder oder zumindest Lieblingskünstler in der Kunstgeschichte?
Bei einem Aufenthalt in New York, ich war damals 26, stand ich zum ersten mal vor einem großformatigen Bild von Franz Kline. Da hatte jemand mit wenigen, dicken Pinselstrichen eine Hafensituation gemalt, die man nicht besser hätte darstellen können. Fantastisch, eindrucksvoll! Aber genauso Künstler des Informel, wie beispielsweise Cy Twombly. Soviel zu „Lieblingskünstlern“. Eine ganz andere Art zu malen, aber vielleicht bewundert man das, was man selbst nicht kann. Ein gewisses Vorbild war und bleibt Professor Sovák, bei dem ich sehr gerne studiert habe,und dem ich,was die Betrachtungsweise auf die Kunst angeht, viel zu verdanken habe.

Wie sind Sie zu dem Exkurs von Landschaftsmotiven zum Hitchcock-Zyklus gekommen?
Hitchcock Filme sind natürlich spannend, deshalb Hitchcock. Und auch um mal ein anderes Thema aufzugreifen. Das was in in Filmen schnell an einem vorbeiläuft, wollte ich stoppen und festhalten, und alle Bilder sollten den gleichen Ausdruck haben: Da passiert gleich was!

In den 1980er und 90er Jahren gab es eine vielfältige Ausstellungskultur in der heimischen Kunstszene in Form von Gemeinschafts­schauen an spektakulären Orten wie Antoniusstrasse. Vermissen Sie solche Initiativen?
Auf jeden Fall. Das wäre ja auch was zum aktuellen Thema: Wenn man das Bordell irgendwo anders hin verlegt, kann man die Antoniusstrasse ja zur Galerie und Künstlermeile umnutzen. Aber im Ernst: Solche Aktionen sind immer gut und beleben das Interesse an der Kunst.

Was sagen Sie zur angeschlagenen Aachener Museumsszene- Stichwort Besucherzahlen?
Da gibt es einige Gründe, aber ein sehr wichtiger Aspekt sind die Standorte, die sowohl für Suermont Ludwig Museum als auch für Ludwig Forum nicht glücklich sind. Ein Museum, mit zum Beispiel Cafe, Buchhandlung, und Restaurant in einer attraktiveren Stadtlage mit einer offenen Archtektur als Ort der Begegnung, würde bestimmt zu höheren Besucherzahlen führen.

Disziplinierter Arbeiter, der zu regelmäßigen Zeiten in seinem Atelier arbeitet, oder haben Sie intensive Schaffensphasen ohne Rücksicht auf Tag und Zeit und wieder kreativen Leerlauf?
„Täglich geöffnet von neun bis 17 Uhr“! Nein , das ist nicht ganz so, aber ich arbeite täglich, auch oft an Wochenenden. Vor Ausstellungen intensiver, ansonsten gibt es immer etwas zu tun. Nach fast 40 Jahren Kunst, nach rauf und runter bleibt es immer noch so. “Noh all denne Johre“ kann ich da nur sagen.

Erik Offermann, Psycho 1, Öl auf Leinwand, 90 x 150cm, 2017 Nr. 1004

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschließend eine kurz gefasste Ausstellungs-Übersicht ohne Anspruch auf Vollständigkeit: 

2016 AAF KUNSTMESSE, Brüssel, Belgien
2015 ART FAIR, Köln
2012 GREMILLION & CO FINE ART, Houston, Texas USA
2009 GALERIE 45, Aachen
2008 ART BODENSEE
2006 GALERIE OSPER, Köln
2005 FINE ART, Köln
2004 ART KARLSRUHE
2003 GALERIE SPRINGMANN, Freiburg
GALERIE RICHTER, Berlin
GALERIE VOIGT, Nürnberg
GALERIE AM DOM, Wetzlar
2002 STADTMUSEUM, Köln
2001 GALERIE CONZEN, Düsseldorf
1999 GALERIE KUNSTHAUS, Köln
1997 VRINGS ART, Köln
1993 BOCK GALLERY, Aachen
1987 TEAM SENET GALLERY, Istanbul, Türkei
1985 WERKHOF BISSENDORF GALERIE Hannover
1982 PRATT MANHATTAN CENTER GALLERY, New York, USA
CITY UNIVERSITY, New York, USA
PRATT GRAPHICS CENTER GALLERY, New York, USA
ORANGERIE SCHLOSS AUGUSTUSBURG, Brühl
1978 KUNSTVEREIN, Bocholt

TEXT: Rainer Güntermann

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page