Funktion ohne Funktion

Funktionskleidung

Kaum sind die Waldwege wieder frostfrei, die Feierabende nicht mehr ganz so dunkel und die Atemluft nicht mehr gar so eisekalt, sehen wir wieder taucherähnliche Geschöpfe in extra-slim-fitten Ganzkörper-Überziehern ihre Runden laufen. Mitleidsvoll Anteil nehmende Autofahrer bekommen die gleichen Blicke der Durchtrainierten wieder zurück und erleiden umgehend Bauchschmerzen aufgrund des aggressiv nagenden schlechten Gewissens. So weit – so gut, würde es nur bei den morgendlichen oder abendlichen Begegnungen im Grüngürtel bleiben. Aber auch sonntags früh beim Bäcker findet ein frisch geduschter Kunde in, sagen wir, gängiger Kleidung sich wieder zwischen martialisch anmutenden Athleten in einem Outfit, welches einen veritablen Triathlon noch vor dem Frühstückscroissant erwarten lässt, zuweilen legen aber Auge und Nase die Vermutung auch nahe, er sei schon vorbei. Einer Kriegsbemalung gleich zieren überall neonfarbene Leuchtstreifen die hautenge Verhüllung, um das ohnehin eingeschüchterte Umfeld nachhaltig zu beeindrucken. Ist für die kommenden acht Stunden auch nur im Promillebereich des Möglichen feuchter Niederschlag oder eine Brise im einstelligen Kilometer-pro-Stunde-Bereich angesagt, hält die Funktions-Oberbekleidung auch Einzug in das alltägliche Straßenbild, um jederzeit gegen alle Widrigkeiten eines Stadtbummels gewappnet zu sein. Aufdrucke mit Windstopper-Formeln und Wassersäulen-Grade werden gern als Information, aber zugleich auch als Beeindruckung des Gegenübers wie tätowiert auf Brust oder Ärmel getragen. Um einer Verwechslung oder Personenfahndung im einheitlichen Schwarz-Grau-Beige der so verkleideten Asphalt-Athleten vorzubeugen, wird auch gern eine farblich mutige Partnerausstattung gewählt, die den Wetterkampf im City-Dschungel direkt leichter und lustiger angehen lässt. Mit einem entspannten Lächeln gehe ich derweil ins Parkhaus und besteige mein saharataugliches SUV mit Elchfänger vorn, Weitwinkelstrahlern auf dem Dach und 50 Liter-Reservekanister am Heck, um mich nach dem Kauf von einem Deospray im Drogeriemarkt wieder auf den asphaltierten Heimweg zu machen. Dabei geht mir die Feststellung einer deutschen Kabarettistin durch den Kopf: Funktionskleidung im Alltag ist die Menopause der Oberbekleidung…

Text: Rainer Güntermann

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page