…UNTERWEGS…
In Memoriam
Manfred Schieber

Warte nicht auf Morgen – das hätten auch wir beherzigen sollen, wollten wir doch schon lange in unserer erst zwei Jahre währenden Existenz über den Broichweidener Künstler Manfred Schieber berichten. Nun müssen wir leider den ersten Jahrestag seines Todes im Mai zum Anlass nehmen, endlich diese Reportage zu veröffentlichen, denn berichtenswert ist sein Oevre allemal.

Nach Roland Mertens und Eric Peters stellen wir mit dem verstorbenen Manfred Schieber einen dritten Künstler aus der Region vor, der die Klaviatur der alten Meister meisterhaft beherrschte, aber ebenfalls diese Art der Malerei für sich ganz eigen-artig interpretierte und zu einem gänzlich neuen, unverwechselbaren Stil transformierte. Ohne irgendeinen Vergleich ziehen zu wollen, malt(e) doch jeder dieser drei Maler -bezogen auf das Genre Stillleben- scheinbar willkürlich angeordnete Gegenstände, so wie man sie vermeintlich schon in allen Museen mit derlei Gemälden zu Gesicht bekommen hat. Und dennoch reizen sie uns zum genaueren Hinsehen, weil irgendetwas anders scheint, ungewohnt, ungewöhnlich, scheinbar nicht dahin ge­hörend. Sogleich nach dem Entdecken quittieren wir es mit einem Lächeln und sind erstaunt, wie selbstverständlich und natürlich die Darstellung eigentlich ist.

Geboren 1952 in Chemnitz kam er mit den Eltern über eine kurze Zwischenstation in Berlin nach Köln, wo er seine Jugend verbrachte. Neben dem theoretischen Studium von Kunstwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Düsseldorf, wo er auch auf seine spätere Frau traf, erlernte er ganz praktisch das Handwerk des Restaurators. Die dort angeeigneten Maltechniken der alten Meister bildeten die Grundlage für seinen dann autodidaktisch bis zur absoluten Perfektion erlernten Malstil. Im Jahr 2002 zog er mit seiner Familie nach Würselen. Ein eigener, kleiner Kunsthandel in Aachen sollte aber nur von kurzer Dauer sein. Stattdessen vereinbarte er mit seiner Frau einen Rollentausch, blieb als Haushalt führender Maler daheim, während sie hauptsächlich für den Familienunterhalt sorgte. Einzig eine Dozententätigkeit in Berlin, wo er an einer Privathochschule vornehmlich Maltechnik-Unterricht gab, lockte ihn regelmäßig aus seinem häuslichen Atelier in Broichweiden.
Vielleicht war es ja dieser auch heute noch nicht selbstverständliche Rollentausch, der ihn auch bei seiner Malerei inspirierte: Bilder scheinen vor dem Aufhängen nicht auspackt worden zu sein, sogenannte Wunderkästchen sind nicht dreidimensional und gefüllt, sondern nur so gemalt, scheinbare Farbkleckse sind akribisch nach vorher real auf Papier gekleckster Farbe nachgemalt, bei einem Stillleben mit Obstkorb ist dieses erst gar nicht aus der Plastikschale mit Kunststoffnetz herausgeholt worden oder dergleichen mehr. Stets bewegen sich die Bilder umgekehrt zur konventionellen Sichtweise, bieten Anlass zum Schmunzeln, aber auch zur kritischen Reflexion, sind anders als gewohnt, eben im besten Sinne außergewöhnlich.
Leider hat der Krebs das weitere Schaffen dieses Ausnahmekünstlers viel zu früh beendet. Gerne würden wir in Zukunft noch neue Bilder sehen, mit deren Hilfe er sein Spiel treibt mit unseren Sehgewohnheiten, unseren Illusionen von Gegenständen, die so gar nicht existieren, mit vermeintlich Bekanntem, das bei näheren Betrachten gänzlich neuartig erscheint. Leider werden wir nicht mehr in diesen Genuss kommen.

Dosenweib

Dosenkerl

 

Bei einem Besuch im ehemaligen Atelier von Manfred Schieber in seinem Haus in Broichweiden hatten wir die Gelegenheit für ein Gespräch mit seiner Witwe, Frau Krafft, die uns auch Fragen zu seinem Wirken beantwortete.

Als was hat sich Manfred Schieber gesehen: Surrealist, phantastischer Realist, moderner Renaissance-Maler oder nichts von Allem?

Für ihn stand immer das Handwerk des Malens im Mittelpunkt. Er selbst sah sich als realistischen Maler mit Anlehnung an die Renaissance. Für ihn kam Kunst von Können, nicht von Wollen, sonst hieße sie ja Wunst.

Wie hat er seine Motive gesucht?

Sein Ziel war stets die Brechung, die unerwartete Wendung bei scheinbar vorhersehbarem Verlauf. Dies alles im Stil von Stillleben, aber modern und zeitnah. Daher das Malen von Plastikblumen, die auch als solche zu erkennen sind, nicht ein Korb neben dem Brot, sondern eine Plastiktüte, nicht die Karaffe mit Wasser, sondern eine PET-Flasche.

Ist der Bildaufbau bei den Prunkstillleben zum Beispiel vorher genau geplant worden oder malte er nach Intuition?

Alles war exakt durchdacht und vorher nicht nur gedanklich genau durchgespielt. Das Bild war im Kopf bereits fertig, bevor er die entsprechenden Gegenstände in natura entsprechend aufbaute und drappierte.

Hatte Ihr Mann Lieblingsvorlagen in der Kunstgeschichte?

Ja, eindeutig die Maler des frühen 17. Jahrhunderts, vornehmlich Vermeer und van Eyck. Bei den Materialien für seine Stillleben bediente er sich sehr gern bei Lebensmitteln, die die drei Buchstaben von Tod oder tot aufnahmen, wie zum Beispiel Tomaten, Orangen und Datteln. Selbst war er aber in gar keiner Weise irgendwie nekrophil oder fatalistisch. Er sagte immer: „Die Symbolik soll mir nur ja nicht vorbeikommen.“

War er ein regelmäßiger Arbeiter oder eher ein Lust- und Laune-Maler?

Absolut konzentriert jeden Tag, wie ein gewissenhafter Arbeiter.

Die penibel genaue Malweise lässt auf einen ebensolchen Charakter schließen.

Er war genau, nicht penibel, exakt, nicht pingelig.

War er im Alltag außerhalb seines Ateliers auch derart aufgeräumt?

Ordentlich im negativen Sinne war er nicht, er war ein ausgesprochener Ästhet.

Der ständige Wechsel vom beschaulichen Broichweiden ins wuselige Berlin – war das nicht stressig und nervig?

Wir hatten zum Glück keine Wochenendbeziehung, denn die Dozententätigkeit beschränkte sich auf etwa dreimal jährlich jeweils eine Woche, daher war es ganz entspannt.

Warum hat er so selten im Raum Aachen ausgestellt? Oft sind Künstler eher Lokalhelden und schaffen es nicht über einen gewissen Radius hinaus bekannt zu werden.

Er hat den Kunstmarkt nicht gesucht, wenn er auf ihn zukam, war er aber nicht abgeneigt. Durch Freunde, die dort inzwischen tätig waren, haben sich Gelegenheiten für Verkäufe oder Ausstellungen ergeben. Das reichte ihm.

Hatte Manfred Schieber noch konkrete Pläne bezüglich seines künstlerischen Schaffens?

Die Krebsdiagnose kam im Sommer 2014. Zwischen den schwierigen Chemotherapien hat er aber immer wieder gemalt. Auch als er in den letzten drei Monaten keine Kraft mehr dazu hatte, war er noch voller Zuversicht, dass sich das wieder ändern und er wieder malen würde.

Was geschieht mit seinem künstlerischen Nachlass? Gibt es Ideen für Ausstellungen oder dergleichen?

Das ist eine Frage, die auch mich sehr umtreibt. An den Gedanken, dass ja nun kein Bild mehr dazukommen kann, muss ich mich erst noch gewöhnen. Um so wichtiger ist mir eigentlich, dass jetzt aufgrund des plötzlichen Interesses nicht alles in alle Winde verkauft wird, sondern dass der jetzige Bestand möglichst geschlossen erhalten bleibt, vielleicht zusammen als Dauerleihgabe ausgestellt wird oder dergleichen. Vielleicht ergibt sich aber auch dieses von selbst und kommt als Lösung irgendwann auf mich zu.

Frau Krafft, vielen Dank, dass Sie uns die Gelegenheit gegeben haben, dieses Gespräch über Ihren verstorbenen Mann zu führen!

 

Text: Rainer Güntermann

 

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