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Schreibtisch in einem Büro

 

Büromöbel sollen längst nicht mehr nur praktisch sein. Dafür verbringen wir viel zu viel Lebenszeit im Büro. Die Möbel repräsentieren ein Unternehmen nicht nur, sondern sorgen für einen angenehmen und organisierten Arbeitsplatz, in dem wir zwischen Funktion und Design kreativ und effizient sein können. Auch der Komfort kommt dabei nicht zu kurz – ergonomische Tische und Stühle schonen im Arbeitsalltag besonders den Rücken.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Büromöbel bloße Container oder Ablageflächen waren. Gut so. Denn wenn sie auch nach wie vor der Büroarbeit dienen, sie vereinfachen, beschleunigen und effizienter machen, so sind die Einrichtungsgegenstände eines Arbeitsplatzes heute viel mehr: Wohlfühlelemente, Kreativquellen, Treffpunkte.

Nachdem das Sitzen auf Stühlen nicht mehr nur das Repräsentationssitzen der Macht und der Autorität darstellte, sondern im Bürgertum angekommen war, entstanden im 16. Jahrhundert mit dem aufkommenden Handel immer mehr sitzende Berufe: Kaufleute, Händler und Buchhalter waren immer mehr auf einen festen Arbeitsplatz angewiesen. Und damit auf entsprechende Möbelstücke. Mit der späteren Industrialisierung wurden Tische und Stühle noch praktischer angelegt – der Effizienz der Maschinen nacheifernd, mussten die Büromöbel das präzise und effiziente Arbeiten ermöglichen. Damals war die Maxime: Je weniger Bewegung am Arbeitsplatz nötig ist, desto besser.

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Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Möbel vornehmlich aus Massivholz gefertigt, später folgte furniertes Holz. In den 1970er Jahren kam Kunststoff als Material hinzu. Damit waren neue Farbgebungen und auch neue Formen möglich. Heute verwendet man meist Stahl, Aluminium und Holz in einer Kombination. Und nicht nur äußerlich wurden Büromöbel weitaus vielfältiger: Schreib-, Computer- und Besprechungstische, Schubladencontainer, Schränke, Sitzmöbel und Raumtrenner in ihren Varianten und Kombinationen bestimmen das Bild in den Office-Umgebungen. Dabei folgt die Form schon lange nicht mehr nur der Funktion. Wenn wir so viel Zeit am Arbeitsplatz verbringen, möchten wir uns schließlich auch wohlfühlen. Design spielt mittlerweile eine große Rolle, genau wie ergonomische Intelligenz und Flexibilität.

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So sind etwa die Möbelbausysteme so angelegt, dass sie sich Office-Anforderungen auch projektweise anpassen können. So wie die Teams sich in Größe und Zusammensetzung ändern, tun dies auch die Möbel. So lassen sich immer mehrere Funktionen zuweisen – Regale etwa bieten Stauraum, teilen Arbeitsbereiche ein oder bieten die spontane Theke zur Teambesprechung. Schreibtische lassen sich anordnen zu Einzel- oder Gruppenarbeitsplätzen sowie Besprechungsbereichen.

 

Kommunikation und Teamarbeit bestimmen heute schließlich
den Arbeitsalltag – inhaltlich DHDG_Mittelzone_Dauphin_Atelier_people_3-de24844c47e2ff48und auch räumlich. Denn „das“ Büro ist nicht mehr der klar abgegrenzte Arbeitsplatz, sondern tritt heute in verschiedenen Ausprägungen auf. So gibt es Bereiche, in denen man sich zum konzentrierten Arbeiten zurückziehen kann, sowie Treffpunkte und offene Bereiche, in denen die Kommunikation und Zusammenarbeit stattfinden sollen. Kurz: Der Arbeitsplatz ist ein Ort sozialer Interaktion geworden, in dem auch Emotionen ihren Platz haben – beinahe wie im Alltag. Die Möbel müssen also Funktionen erfüllen und flexibel sein, sollten aber auch über ein ansprechendes Design verfügen, um zum Wohlfühlen und zur Kreativität einladen zu können.

Neben Funktion und Design spielt auch der Begriff der Ergonomie eine immer größere Rolle, denn zum Wohlfühlen und effizienten Arbeiten gehört auch ein Arbeitsplatz, der nicht krank macht. Ergonomische Umsetzungen von Büromöbeldesign hielt bereits in den 1950er Jahren Einzug, als Ingenieure und Designer mit dem Anpassen der Arbeitsumgebung an die Anforderungen der Tätigkeit begannen. Teils mit normierten Vorgaben, teils mit Mechaniken und Hebeln, speziell die Bürostühle betreffend. Der starren Haltung sollte entgegengewirkt werden. Doch erst Ende der 1970er Jahre kam ein wirklich benutzerfreundlicher Drehstuhl mit Synchronautomatik auf den Markt.

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Seitdem hat sich das Zusammenspiel aus Design, Funktion und Ergonomie stetig verbessert. Dabei sollte etwa ein guter Bürostuhl wechselnde Sitzpositionen zulassen und den Körper dabei in jeder Position gut unterstützen. Die Sitzhöhe sollte verstellbar sein, um den Blutfluss im Beinbereich garantieren zu können, die Sitzfläche sollte zudem tiefengefedert sein und beim Hinsetzen nachfedern, um Stauchungen der Wirbelsäule zu vermeiden. Die Rückenlehne sollte mindestens bis zu den Schulterblättern reichen und zudem den Rücken im Lendenbereich deutlich spürbar unterstützen. Auch die Rückenlehne sollte übrigens verstellbar sein. Die schon erwähnte Synchronautomatik ist ebenso verfeinert worden und sollte heute bei einem guten Bürostuhl Standard sein. Dabei ermöglicht der Stuhl ein dynamisches Sitzen, indem sich beim Zurücklehnen neben der Rückenlehne auch die Sitzfläche neigt – der Stuhl folgt so der natürlichen Bewegung des Körpers.

BOSSE-SINGLE-OFFICEHeutige Entwickler und Produzenten von Bürostühlen gehen von genau diesen Bewegungsfreiheiten aus, wenn sie Sitzgelegenheiten für den Arbeitsplatz konzipieren. Die Firma HÅG etwa vergleicht das lange Sitzen am Schreibtisch mit dem früheren stundenlangen Sitzen auf dem Pferderücken. Diese Belastung sei nur durch das Zusammenspiel von aufrechter Haltung und ständiger Bewegung beim Sitzen möglich gewesen. Speziell die Füße im Steigbügel hätten es dem Reiter erlaubt, den Oberkörper im Sattel beweglich und aktiv zu halten. HÅG entwickelte mit der Balanced Movement Mechanik eine Möglichkeit, mit der der gesamte Körper den Stuhl kontrollieren kann. Auch die Beine und Füße würden so nicht „geparkt“, sondern blieben dynamisch, wie der Rest des Körpers.

Auch beim Schreibtisch kann man auf bestimmte Kriterien achten, die ein ergonomisches Mindestmaß garantieren. So benennt die Leitlinie „Qualitätskriterien für Büro-Arbeitsplätze“ von Quality Office, dem Qualitätszertifikat für Büro-Einrichtungen, etwa die Größe der Arbeitsfläche mit mindestens 160x80cm. Dadurch können der Sehabstand zwischen Auge und Bildschirm mindestens 50cm betragen, der je nach Bildschirmgröße auch angehoben werden müsste. Die Höhe der Arbeitsplatte sollte sich dem jeweiligen Nutzer anpassen lassen, so dass Ober- und Unterarm – ebenso wie Ober- und Unterschenkel – etwa einen 90°-Winkel bilden. Auch hier sollte den Beinen und Füßen ausreichend Bewegungsfreiheit zugesichert werden, indem die Breite des freien Beinraums mindestens 100cm betragen sollte, die Höhe ist hier abhängig von der eingestellten Höhe der Arbeitsplatte.

Besonders ideal stellt sich hier ein höhenverstellbarer Sitz-Steh-Arbeitstisch dar. Denn häufige Haltungswechsel während der Arbeit sind nun mal wichtig für eine ausreichende Durchblutung der Bandscheiben und der Muskulatur – und letztlich natürlich auch des Gehirns. So empfiehlt sich ein dynamischer Wechsel zwischen sitzender und stehender Tätigkeit sogar alle 20 Minuten. Sitz-Steh-Arbeitsplätze lassen daher auch eine besonders flexible Arbeitsorganisation zu; praktisch jede Tätigkeit lässt sich so auch im Stehen ausüben. Die Höhe kann dabei mit einem Elektromotor, Gasfedern oder Kurbel verändert werden. Zudem gibt es Modelle mit Memory-Funktion, in der sich Höhen für verschiedene Nutzer speichern lassen. Die Hund Möbelwerke zum Beispiel liefern ihren Sitz-Stehtisch Thales mit einer entsprechenden Software aus, über die solche Profile angelegt, aber auch Bewegungserinnerungen eingestellt werden können.

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Vorbei sind die Zeiten, in denen das Büro grau war und beengend. Der Arbeitsplatz soll nämlich Freiheit vermitteln – die Bewegung, die Kommunikation und die Kreativität gleichermaßen betreffend. Und Büromöbel öffnen uns diese Räume. Gut so.

 

TEXT: Christian Dang-anh

Fotos: Hund Möbelwerke, Scandinavian Business Seating, Dauphin Home, BOSSE, HAG

…UNTERWEGS…

Eric PetersEr selbst bezeichnet sich schlicht als Maler, seine Bilder sind oft verkauft, ehe sie zu Ende gemalt sind, seit Wochen ist er in den Feuilletons der euregionalen Printmedien omnipräsent, der Begriff „schön“ existiert so für ihn nicht – wer ist dieser Ausnahme Künstler aus Aachen?

Noch vor seiner derzeit im ikob in Eupen laufenden Ausstellung, die mit einer sehr bemerkenswerten Rede des neuen Leiters Frank Thorsten Moll eröffnet worden ist, durften wir ihn in seinem Atelier besuchen – ein Besuch in einer anderen Welt. Zurückhaltend, fast schüchtern öffnet Eric Peters uns die Tür und lädt uns ohne Umschweife erst einmal direkt in seine Privaträume ein. Wie in Jahrhundertwendebauten üblich betreten wir einen großen, quadratischen Raum mit Parkettfußboden und hoher Stuckdecke. Eine große, geöffnete Flügeltür gibt den Blick frei in den nächsten Raum. Beide spärlich möbliert, aber der Blick wird sowieso direkt vereinnahmt von Bildern in Riesenformaten, die oft eine komplette Wand einnehmen. Andere sind zum Teil verpackt gegen die Wand gelehnt. Wenn man seine Bilder bisher nur in Museen zu Gesicht bekam, freut man sich, nun endlich einmal ganz dicht herangehen zu können, um die Struktur nächstmöglich zu betrachten. Kein Pinselstrich ist zu erkennen, alles fließt scheinbar ineinander, und man tritt wieder einen Schritt zurück, um nachzuschauen, an welcher Stelle des Motivs der Blick hängengeblieben war.

7 Freigiebig gibt Peters bei jeder näheren Betrachtung den Titel des jeweiligen Bildes preis, und beginnt auch umgehend mit Erläuterungen zum Motiv, der Entstehungsgeschichte oder technischen Umsetzung. „Aber lassen Sie uns das später im Atelier näher besprechen“ kündigt er verheißungsvoll an. Mich fasziniert erst einmal das breite Spektrum der, wie in einer öffentlichen Galerie präsentierten, Arbeiten. Nicht nur Bilder mit Interpretationen von bekannten Porträts, auch farbgewaltige Werke wie „Herr Mao kauft ein“ oder ein Vor-Bild zu einem neuen Zyklus mehrschichtig gemalter Eisberge, wodurch zuweilen ein 3D-Effekt entsteht. „Das Interessante ist hierbei dann, dass nicht wie sonst üblich die dunklen und kalten Farben in die Tiefe gehen, und die hellen und warmen Töne in den Vordergrund kommen, sondern umgekehrt“. Im Nebenraum ein monumentales Werk mit einem satellitenähnlichen Roboter im All: „Little Alien Buddha“, dessen „Bruder“ in der Neil-Armstrong-Halle der Perdue-University in Lafayette/Indianapolis (NASA) hängt. „Das europäische Pendant ESA verfügt übrigens jetzt auch über ein Bild als Dauerleihgabe“ erklärt der 1952 in Stolberg geborene Maler beiläufig. Dann eine in jeder Beziehung ausgefallene Arbeit aus sieben Einzelbildern mit jeweils exakt dem gleichen Motivausschnitt: Ein Hummer mit einer Drappage wie aus einem Stillleben alter Meister, nach den Regeln des goldenen Schnittes jeweils immer größer im Format werdend und entsprechend auch mit wachsenden Abständen an die Wand gehängt. Weiter geht es durch Hof und Garten hinauf in die erste Etage eines alten Backsteinbaus in voller Breite der Grundstücksparzelle. Wieder empfangen uns großformatige Bilder auf rollbaren Staffeleien oder an elektrischen Flaschenzügen aufgehängt. „Alle in Arbeit“ erklärt Eric Peters fast entschuldigend. Jetzt bietet sich auch die Gelegenheit, die gewaltigen Leinwände ausgiebig von der Seite zu betrachten, um aufgrund der sehr massiv wirkenden, dicken Schicht konkret nachzufragen. „Als ich begann, Großformate zu malen, bekam ich keinen fertigen Malgrund in derartigen Maßen. Auch Schöpfrahmen zur eigenen Papierherstellung gab es nicht. Also habe ich experimentiert und benutze seitdem rustikale Böschungsmatten, auf die ich Schicht für Schicht mein selbst grobgeschöpftes Papier auftrage. Daher spreche ich auch nicht von Papier, sondern von Papierhybrid“. Fast alle Bilder stammen aus der relativ neuen Malserie, die er mit dem Wort ‚Q-Bismus’ umschreibt. „Für bestimmte quantenphysikalische Versuche gibt es halbdurchlässige Spiegel, von denen nur die Hälfte der auftreffenden Strahlen direkt reflektiert werden, die andere Hälfte verschwindet aber nicht, sondern bildet den Gegenstand hinter der Spiegelfläche ab, nur andersherum. Dieses ‚Bild mit dem Bild dahinter’ versuche ich zu malen, wodurch dann sehr spannende neue Sichtweisen entstehen“. Noch gut in Erinnerung ist vielen Besuchern des jährlichen Schrit_tmacher-Festivals die im letzten Jahr im Foyer der alten Eisenfabrik Strang ausgestellte Arbeit „Kaiserwalzer“, die diese Malweise auch einem großen Publikum bekannt gemacht hat. „Einer meiner Söhne studiert übrigens Physik. Von ihm kann ich mir jetzt Dinge erklären lassen, die ich vorher zwar empfunden habe, aber nicht definieren konnte“. Die gedanklichen Vorlagen für seine Bilder entwickelt Peters dann weiter am Computer, um sie dann mit im Vergleich zur Leinwandgröße winzigen Pinseln auf sein Papier zu bringen, was durchaus einige Monate dauern kann. „Nach einiger Zeit kommuniziere ich aber nicht mehr mit der Computer-Vorlage, weil sich das Bild selbst erarbeitet, und ich beim Malen Dinge entdecke, die ich vorher nicht gekannt habe“. Zum Abschluss, nach einer Vorausschau auf geplante Vorhaben gefragt, kündigt der Maler eine Monografie an, die, vom ehemaligen Leiter des Aachener Ludwig-Forum Wolfgang Becker verfasst, zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse erscheinen wird. Die vier Europa-Bilder (siehe Interview) werden im Europäischen Parlament in Brüssel ausgestellt werden, „und für die Zukunft eröffnen sich gerade neue, interessante Ausstellungsprojekte“. Interessierte Käufer seiner Bilder hingegen müssen sich in Geduld üben: Allein sein fester Galerist in Houston und Dallas kann kaum seine Klientel ausreichend mit neuen Bildern versorgen.

Herr Peters, Sie bezeichnen sich selbst schlicht als Maler. Sie sind aber auch plastisch tätig, haben zu Beginn Ihrer Laufbahn neben Modedesign auch Möbel entworfen und sogar selbst gebaut, haben als Werbegrafiker Illustrationen gemacht – wäre der Begriff „Künstler“ nicht zutreffender und angemessener?

Der Begriff „Künstler“ ist mir zu weit gefasst. Da ich jeden Tag male, bin ich halt Maler, auch weil ich Dinge malen kann, die ich nicht mit Worten erklären kann, denn was ich in Worte fassen kann, brauche ich nicht zu malen. Aber ein Maler ist man für mich auch nur dann, wenn man Bilder durch malende Hände entstehen lässt und nicht durch das Drücken von elektronischen Knöpfen zum Beispiel.

Ihre Bilder hängen in Gent, Amsterdam, London, St. Petersburg, Houston, Dallas, New York, Rio de Janeiro. Was veranlasst Sie, nach nur vier Jahren nun abermals im eher beschaulichen Eupen auszustellen?

Zum Einen ist das ikob in Eupen zwar klein, hat aber einen sehr guten Ruf, dann ist es das einzige Museum für zeitgenössische Kunst in der Wallonie, wozu ja die Deutschsprachige Gemeinschaft zählt, und drittens ist die Ausstellung schon seit 3 Jahren in Planung, damals noch iniziiert vom ehemaligen Leiter Francis Feidler, der mich und meine Bilder gut kennt. 2012 war ich nur Teil einer Ausstellung, jetzt ist es eine Einzelaus­stellung, was auch der Unterstützung eines belgischen Sammlers meiner Arbeiten und Förderer des ikob zu verdanken ist.

Gab es eigentlich einen konkreten Anlass, der sie zu Ihrem jetzigen, unverwechselbaren Mal-Stil gebracht hat, oder ist es eine zwangsläufig eingetretene Weiterentwicklung?

Eigentlich ist alles nur eine zwangsläufige Weiterentwicklung, die sich unterbewusst von selbst ergibt. Als Maler bin ich auf einer Spur, die ich nicht definieren kann, die mich aber immer weiter führt und mich zu anderen Punkten trägt, die ich noch nicht kenne, von denen ich aber weiß, dass sie eintreffen werden. Reelle Anlässe sind dann nur Wegmarkierungen, wie der Tag, an dem ich für die vier Europa-Bilder im Krönungssaal des Aachener Rathauses 2014 ein Pferdebild am Computer nur etwas drehen wollte, plötzlich aber das Abbild von hinten vor Augen hatte. Als ich beide Bilder übereinanderlegte, sah ich das Pferd von vorn und von hinten gleichzeitig, hatte also ein Bild hinter dem Bild vor mir. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Wer Ihr Werkschaffen verfolgt, bekommt den Eindruck, dass Sie zyklengleich malen, das heißt, Sie beschäftigen sich eine längere Zeit mit einem Motiv und variieren dieses in mehreren Bildern. Was steckt dahinter?

Ein Bild ist für mich immer nur der Grundstein für ein nächstes Bild, mit dem ich versuche, das vorhergehende zu präzisieren, noch besser zu malen. Damit meine ich nicht schöner, weil mich subjektives Schönheitsempfinden nicht interessiert. Das muss nicht immer in direkter, zeitlicher Reihenfolge geschehen. Zur Zeit male ich an mehreren „Zyklen“ – wenn Sie so wollen – gleichzeitig. Das ist sehr spannend und gegenseitig inspirierend. Aber auch Jahre später kann es passieren, dass ich plötzlich das Bedürfnis habe, ein Motiv nochmals neu zu malen.

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Sie schöpfen zumeist das benötigte Papier selbst, sprich Sie stellen auf sehr aufwändige und oft langwierige Weise den Malgrund in Eigenarbeit her. Dann kommt Ihre äußerst akribische Malerei und Bearbeitung der Oberfläche, die ebenfalls sehr zeitintensiv ist. Ist dieser Prozess außer der rein technischen Notwendigkeit wichtig für das entstehende Werk, oder wissen Sie bereits zu Beginn, wie das fertige Bild aussehen soll?

Nein, auf keinen Fall. Ich habe nur vage Vorstellungen. Malen heißt für mich, alles fließen und dies auch zuzulassen. Am besten oder kreativsten bin ich, wenn ich das Gefühl habe, mir selbst beim Malen zuzuschauen. Ich habe immens viele Ideen im Kopf, Entwürfe als Vorstufen zu Bildern, und ich kann mich oft nur schwerlich bremsen, aber es bleiben eigentlich nur 10 bis 20 Prozent der Gedanken übrig, die weiterreifen und sich lohnen, zu Papier gebracht zu werden.

Sie scheuen sich nicht, bekannte Bilder wie zum Beispiel Nofretete, Rembrandt oder Frida Kahlo als Motiv zu übernehmen und neu zu interpretieren. Reizt Sie dabei allein die Bildgrundlage, oder was ist jeweils der Beweggrund?

Eine meiner ersten Vorlagen diesbezüglich war vor über 30 Jahren ein Bild von Picasso, das mich zu einem neuen Bild inspiriert hat. Bei Frida Kahlo war es das interessante Schicksal dieser Frau, das ich in mein Bild von ihrem Selbstporträt legen wollte, bei Nofretete, dem Sinnbild der Schönheit schlechthin, dann natürlich die Suche nach der weiter oder tiefer gehenden Schönheit, also wieder der Blick dahinter, hinter die vordergründige Realität. Bei Jan Vermeer’s „Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist es so gewesen, dass ich den Film mit Scarlett Johansson gesehen habe und mir aufgefallen ist, dass das Mädchen auf dem Originalbild braune Augen hat, die Schauspielerin aber leuchtend blaue. Da saß ich nun als Maler im Kino und dachte mir, dann musst du dieses Mädchen neu malen, als Filminterpretation sozusagen.

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So verstörend beim ersten, flüchtigen Betrachten die Motive zuweilen sein mögen, beim genaueren Betrachten ergeben sich dann aber oft schnell allerlei individuelle Assoziationen. Diese stellen sich aber nur schwerlich bei den Titeln oder Umschriftungen ein, die augenscheinlich das Motiv nur wenig näher erläutern. Warum diese weitere Herausforderung für den Betrachter?

Ich finde die Titel haben sehr viel mit den Bildern zu tun, und beide unterstützen sich gegenseitig. Früher –das gebe ich zu- habe ich allerdings sehr viel Lust am Fabulieren verspürt und ihr freien Lauf gelassen. Da ich beim Malen aber sehr oft Musik höre, sind die Titel auch hierbei entstanden. Manchmal habe ich jedoch über Jahre hinweg Titel im Kopf, zu denen mir aber jeweils das Bildmotiv fehlt. Dann warte ich, bis dieses irgendwann von selbst zu mir kommt.

Ihre Bilder beeindrucken auch durch immer wieder neu zu entdeckende Überraschungen. Sie scheinen gemalte Fantasien, mit dem Pinsel sichtbar gemachte Psyche zu sein. Hat Sie diese quasi neue Art des „Fantastischen Realismus“ zur intensiven Auseinandersetzung mit Yoga und Meditation geführt oder umgekehrt?

Die Frage ist eigentlich schon Teil meiner Antwort. Ich kehre das Innere nach außen, mache Psyche sichtbar. Aber auf keinen Fall bin ich „Fantastischer Realist“, da mich zum Beispiel an Träume nie erinnern kann, also daraus folgend keine Ideen oder Vorstellungen entwickeln kann. Allmorgendlich praktizierte Yoga und Meditation dienen auch nicht der Entwicklung von neuen Fantasien, sondern sind Einstimmung auf die folgende Tätigkeit und Teil meiner körperlichen Arbeit.

Mit Ihrem Sujet haben Sie heutzutage ein veritables Alleinstellungsmerkmal. Sehen Sie sich trotzdem in einer bestimmten stilistischen Tradition als Weiterentwickler und Fortdenker, zum Beispiel des Symbolismus, Dadaismus oder Surrealismus?

Ich bin daran interessiert, einen anderen Blick auf die Realität zu ermöglichen. Die Technik der Superposition eröffnet für mich interessante, neue Möglichkeiten, und die Zukunft wird zeigen, was sich daraus entwickeln wird.

Sind Sie überrascht, wie viel Medieninteresse sowohl in der Presse, als auch bei grenzüberschreitenden TV-Sendern diese Ausstellung in Eupen bisher schon hervorgerufen hat, oder sind Sie derlei Hype gewohnt – wobei man Sie ja eigentlich eher als zurückhaltenden Menschen kennt, der selten sein Atelier verlässt, der nicht nach jeder Fotolinse giert, um eine Selbstdarstellung abzugeben?

Es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen, aber es freut mich natürlich, zusammen mit Frank-Thorsten Moll und seinem Team von ikob in Eupen eine Ausstellung aufgebaut zu haben, die auf eine so große Resonanz stößt. Ansonsten bin ich ein Maler ohne Kult, denn meine Bilder sollen ohne mich existieren – Ich hatte nur das Vergnügen, sie zu malen.

Herr Peters, vielen Dank für das interessante Gespräch und den Einblick in Ihr Atelier!

TEXT: Rainer Güntermann

FOTOS: Holger Schupp

KÖNIGLICHER DAUERBRENNER – DIE ROSE

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Die Rose steht seit Tausenden von Jahren für Schönheit und Liebe. Und schon vor ihrer Züchtung war die Wildrose ein heilendes Nahrungsmittel. Heute gibt es durch Kreuzung und Züchtung über 30.000 verschiedene Arten der „Königin der Blumen“. Und keine ihrer Varianten hat bis heute an Strahlkraft verloren – symbolisch und tatsächlich macht die Rose glücklich.

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Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose – mit dem heute geflügelten Satz der Schriftstellerin Gertrude Stein bringt sie zum Ausdruck, dass schon der Name einer Sache deren Bild und die damit verbundenen Gefühle darstellt. Treffender hätte sie es auch nicht formulieren können. Schließlich ist die Zierpflanze, die seit über 2000 Jahren gezüchtet wird, das Symbol für Liebe und Schönheit, für Emotion und Faszination.

rosentorDie ersten Rosenzüchtungen wurden vor etwa 5000 Jahren in Gärten in China vollzogen; der Beginn der Rosenkultivierung wird auf ungefähr 2700 v. Chr. datiert. Es sind dann schließlich auch chinesische Rosen, die spätestens seit der Renaissance größten Einfluss auf die Rosenzucht in unseren Gefilden haben. Heute gibt es durch Kreuzungen und Züchtungen um die 30.000 verschiedene Rosensorten. Die Wildrose gibt es praktisch schon immer. Ihr natürliches Vorkommen erstreckte sich ursprünglich auf die Nordhalbkugel zwischen Europa und China, aber auch in Nordamerika gab es fossile Funde der Gattung Rosa. Schon in ihrer wilden Form als Nahrungsmittel und heilendes Gewächs hatte sie in zahlreichen Kulturen der Welt eine große Bedeutung.

Das verstärkte sich noch seit ihrem Sprung vom Wildgewächs zur Zierpflanze. Bereits im Viridifolia_Green_Roseantiken Rom, wo Rosen in Glashäusern gezüchtet wurden, und im Ägypten der Ära des Ramses II., der 1224 v. Chr. verstarb, gibt es Hinweise auf Rosen und ihren Anbau in Gärten. Die Römer betrachteten sie schnell als ein Luxusgut, das zu den Ausschweifungen bei Festmahlen gehörte – Blütenblätter bildeten einen Teppich, der zur Tafel führte; sie waren Dekoration von Speisen und Getränken, die Gäste rieben sich mit dem Öl ein. Die Wiege der Rosenölgewinnung steht übrigens vermutlich in Persien, wo es auch seit Jahrtausenden Rosengärten mit besonders stark duftenden Blüten gibt. Und die ägyptische Königin Kleopatra soll ihren römischen Geliebten Mark Anton mit einem Meer aus Rosenblüten willkommen geheißen haben.

Darüber hinaus berichtet Homer in der Ilias von Waffen, die mit Rosenkränzen geschmückt sind und von Aphrodite, die den verstorbenen Hektor mit Rosenöl salbt. Überhaupt waren auch die Dichter Griechenlands große Fans der Rose; angefangen bei Sappho, die sie als erste die „Königin der Blumen“ nannte. Die Rose verfügt also seit jeher über einen ausgeprägten Symbolcharakter und eine ungebrochene poetische Kraft.

Diese sind durchaus vielseitig: So symbolisieren Rosen etwa Liebe und Freude. Die Griechen ordneten die Rose der Aphrodite, dem Eros und dem Dionysos, Gott des Weines und der Freude, zu. Weiterhin beschreibt eine antike Sage die Rose als „Überbleibsel der Morgenröte auf Erden“ oder „entstanden aus dem Blut des Adonis“. Ihre rote Farbe wurde nämlich auch immer mit Blut assoziiert, ihre Dornen mit Schmerz, ihre verwelkenden Blätter der Vergänglichkeit und dem Tod. Letzteres war bei den Römern und Germanen gleichermaßen ausgeprägt; der dies rosae war eine Art Totengedenken, die Opferplätze und Grabstätten der Germanen wurden mit Rosen bepflanzt.

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Die weiße Rose hingegen war ein Symbol der Verschwiegenheit und findet sich seit dem Mittelalter als Schnitzerei auf so manchem Beichtstuhl. Überhaupt nutzte auch das Christentum eine ausgeprägte Rosensymbolik: ein aus dem Tod erblühendes ewiges Leben, der Vergleich Marias mit der dornenlosen Rose, der Rosenkranz und nicht zu vergessen die goldene Rose, ein Christussymbol, das die Farbe Gold und die Dornen vereint – die Auferstehung und die Passion Christi. An jedem vierten Fastensonntag, dem „Rosensonntag“ verleiht der Papst eine goldene Rose. Auch der Islam aus dem persisch-arabischen Raum sieht in der Rose ein heiliges Symbol, eine Verkörperung der Schöpfung und des Göttlichen.

Im Mittelalter waren es in Europa zunächst die Klöster, die die Rose in ihren Gärten anbauten. Auch bei Karl dem Großem fand sie als Heilpflanze Verwendung. Ab dem 11. Jahrhundert kamen die Gartenrosen aus dem Orient über die Handelswege und Kreuzzüge hinzu, die sich dann über Europa verteilten. Ihre Beliebtheit und Bedeutung lässt sich auch an den vielen Emblemen auf Bannern, Münzen und Wappen jener Zeit ablesen. Die berühmten Rosenkriege haben beispielsweise ihren Namen aus dem jahrzehntelangen Konflikt der englischen Adelshäuser Lancaster und York, die jeweils eine Rose in ihren Wappen trugen. Nach deren Aussöhnung wurde die Rose in England zur Nationalblume erhoben.

Als immer mehr seefahrende Nationen neue Zierrosen mit neuen Eigenschaften aus dem fernen Osten mitbrachten – 1580 wurde etwa eine gelbblühende Rose aus Kleinasien eingeführt, bis dahin hatte es nur weiße, rosa oder rote Rosen gegeben – erwachte spätestens in der Renaissance so etwas wie eine eigene europäische Gartenkultur, die durch eigene Züchtung neue Kulturrosen hervorbrachten, die dann im 17. und 18. Jahrhundert immer mehr Einzug in die Gärten der Städte hielten. Eingangs waren diese Züchtungen eher noch zufällige Produkte: Man steckte zwei voll blühende Rosen in einen Topf und hoffte, dass die daraus entstehenden Sämlinge die Eigenheiten beider „Elternteile“ vereinen würden. Doch insbesondere in Frankreich folgte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals gezielten Züchtungsmethoden.

Farben, Düfte, Zeichnungen, Formen – es sind seitdem unzählige Varianten gezüchtet worden, die auch durch immer neue Kreuzungen mit Rosensorten aus dem fernen Osten entstanden sind: Ende des 19. Jahrhunderts waren es importierte ostasiatische Wildrosen, die die Zucht von Kletterrosen ermöglichten. Und als Anfang des 20. Jahrhunderts die Mendelschen Regeln zum Vererbungsvorgang wiederentdeckt und von Botanikern angewendet wurden, gab das der Rosenzüchtung einen weiteren Schub und immer neue Möglichkeiten, der Königin der Blumen weitere Facetten anzueignen.

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Das Rosenfenster des Straßburger Münsters ist mit 13,6 Metern Durchmesser eines der größten Europas

 

 

Und so dauert die Faszination an diesem beeindruckenden Gewächs bis heute an: Die Zierpflanze erfreut uns in Gärten und in Vasen, ihr Öl ist Grundlage in der Parfümindustrie und das dabei anfallende Rosenwasser findet Verwendung in der Herstellung von Marzipan. Auch als Heilpflanze tritt die Rose immer noch in Erscheinung, indem ihre Frucht, die Hagebutte, gegen Erkältung, Darmerkrankungen, Rheuma und viele weitere Beschwerden eingesetzt wird. Ihr Duft ist wichtiger Bestandteil der Aromatherapie, ihre Blüten, Blätter und Wurzeln werden in der asiatischen Medizin getrocknet und in verschiedenen Behandlungen verwendet.

Die Rose hat eindeutig Geschichte. Erscheinung, Wirkung und Mythos – dieses Zusammenspiel macht sie zu einem königlichen Dauerbrenner unter den Blumen, der Menschen seit Jahrtausenden fasziniert und glücklich macht. Schließlich ist eine Rose eine Rose eine Rose.

 

TEXT: Christian Dang-anh

Fotos: Dean Wiles

100 JAHRE QUELLENHOF AACHEN

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Alt4Dass Aachen seinen Ursprung den zahlreichen Quellen zu verdanken hat, darüber ist gerade aufgrund des Karlsjahres ausgiebig berichtet worden. Vielleicht weniger bekannt ist, dass die größte Blüte der Aachener Bäderkultur im 18. Jahrhundert war, als die Stadt europaweit eine der mondänsten Kuradressen war mit entsprechender Klientel auch aus den Adelshäusern. 

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Die Jahre nach 1794 unter napoleonischer Verwaltung änderten daran nicht viel – ganz im Gegenteil, da der französische Kaiser selbst ein großer Liebhaber der Aachener Thermalquellen war, und daher mehrere Um- oder Neubauten genehmigte. Allerdings mit dem jeweiligen Übergang in Staatseigentum. Erst 1818 mit dem Übergang an Preußen erhielt die Stadt die Bäder wieder zurück, jedoch verlor Aachen als Kurstadt, trotz eines guten Kulturangebotes, immer mehr illustre Gäste, da bis auf das 1864 neu errichtete Kaiserbad kein luxuriöses Bad und auch kein repräsentatives Hotel existierte. Zudem mangelte es in der Innenstadt an ausreichendem Platzangebot für die zu einer Trinkkur dazugehörenden Wandelgänge. Anfang des 20. Jahrhunderts wollten die Verantwortlichen in Aachen die vernachlässigte Kur- und Badestadt wiederbeleben und planten daher den Bau eines neuen Kurmittelhauses mit Wandelhalle und Hotel auf einem weitläufigen Areal. Die Wahl fiel auf das Gelände des Maria-Hilf-Spitals an der Monheimsallee, mit dessen Abriss 1914 begonnen wurde. Dafür sollte die Burtscheider Rosenquelle angezapft und über eine 600 Meter lange Leitung hierher hochgeleitet werden. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges etwas verzögert, wurde der von den Münchener Architekten Theodor Fischer und Karl Stöhr entworfene Komplex am 8. Juni 1916 feierlich eröffnet. Das neue PALAST-HOTEL QUELLENHOF verfügte über 200 Gästezimmer und 75 Bäder, dazu 16 abgeschlossene Wohnungen mit eigenem Thermalwasseranschluss. In der Eröffnungsanzeige wird unter der Überschrift „Deutschlands vollkommenste Hotelanlage“ auf die – bemerkenswert tagesaktuell – „herrliche staubfreie Lage im neuen Kurpark“ und „besondere Ermäßigungen für Kriegsteilnehmer“ hingewiesen.
Das Hotel erstreckte sich mit seinem dreiflügeligen Baukörper im neoklassizistischen Stil parallel zur vornehmen Monheimsallee mit mittigem Grünstreifen und über den rechten Seitenflügel zum anschließenden neuen Kurpark hin. Im linken Flügel befand sich das Kurmittelhaus, welches über einen offenen Wandelgang mit dem zurückversetzt im Park errichteten NEUEN KURHAUS verbunden war. Im Gegensatz zum Kurhaus mit seinem imposanten Säulen-Portikus ist von dem Verbindungsgang auch bedingt durch den Eurogress-Bau nichts mehr zu erkennen. Die nach Ende des Ersten Weltkrieges bis 1929 andauernde Besatzungszeit ließ den neuen Kurbetrieb aber nur sehr verhalten anlaufen, weshalb man sich 1933 entschloss, die Kur- und Badegesellschaft m.b.H. zu gründen. Mit der Eröffnung des damals europaweit (!) größten Hallen-Thermal-Bades im Quellenhof 1936 kam es dann zu einer starken Frequentierung der Kuranlagen. Allerdings wiederum nur kurzzeitig bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Da das Hotel bis zur Aachener Kapitulation beziehungsweise Befreiung als erste Großstadt durch die Amerikaner am 21. Oktober 1944 als Gefechtsstand des letzten Kampfkommandanten diente, wurde es entsprechend unter Beschuss genommen und stark zerstört.
Vier Jahre dauerte es, bis im Juni 1949 zunächst das Thermalbad, und dann im August ein Teil des Hotels wieder eröffnet werden konnten. Zu einer neuen Blüte der Aachener Kur- und Badekultur kam es jedoch nicht, da die anderen im Stadtgebiet verteilten Bäder nur in Teilen und notdürftig wiederhergestellt worden waren. Auch eine 1958 im Quellenhof eingerichtete „Abteilung für biologische Heilweise zur Durchführung von Kneipp-Kuren“ brachte keine nachhaltige Wende. Ab den 1970er Jahren wurden dann nach und nach die innerstädtischen Einrichtungen geschlossen, am 30. Dezember 2000 dann als letztes das Bewegungsbad im Quellenhof. Um dem Hotel eine neue Klientel zu eröffnen, wurde im Jahr 1977 das Kongresszentrum EUROGRESS fertiggestellt, welches bis heute erfolgreich expandiert. Diese Entwicklung wiederum hatte zur Folge, dass die Ansprüche der Übernachtungsgäste stiegen und eine Grundsanierung erforderlich wurde.

Von 1997 bis zur Wiedereröffnung am 4. September 1999 wurde der Hotelkomplex nach Plänen des ehemaligen Architekturprofessors Hans Kahlen aus Aachen grundsaniert. Sämtliche nicht originalen Einbauten wurden entfernt, der historische Bestand restauriert, der gesamte Erdgeschossbereich neu gegliedert, die Zimmerfluchten heutigen Komfortvorstellungen angepasst, notwendige Ein- und Anbauten im historischen Kontext ausgeführt und nicht zuletzt alles technisch auf den neuesten Stand gebracht. Krönender Abschluss war das 2002 eröffnete, großzügige Spa mit fernöstlicher Formensprache im Bereich des ehemaligen Thermal-Bades, womit die alte Tradition im heutigen Verständnis von Erholungsbad fortgeschrieben wird. Über die Schließung des zu seiner Zeit grenzüberschreitend wohlbekannten Edel-Restaurants des im ehemaligen Kurhaus untergebrachten Spielcasinos mit seiner spektakulären Inneneinrichtung trösten verschiedene Gastronomie-Angebote im noch immer Quellenhof heißenden Hotel hinweg. Mit mehreren Sälen und Salons für private oder geschäftliche Feiern, sowie einer imposanten Bar hat es sich auch wieder einen festen Platz in der Aachener Gesellschaft zurück erobert.

Zum Hundertjährigen Jubiläum sind einige Geburtstagsspecials geplant, wie zum Beispiel 100 Zimmer für jeweils 100 Euro inklusive Frühstück für zwei Personen und Eintritt in die Spa-Lounge, oder ein 3-Gang-Menü inklusive Amuse Bouche für zwei Personen zu 100 Euro „Klassisch“ im Stil von damals oder „Modern“ im Stil der heutigen Zeit.

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Während meines Besuches im Quellenhof hatte ich die Gelegenheit, bei einem Gespräch mit dem Hotelleiter Herrn Walter Hubel einige Fragen zu stellen:

Herr Hubel, macht es einen Unterschied, ein Traditionshaus mit 1oojähriger Geschichte oder ein „neues Haus am Platz“ zu leiten?

Ja, einen gewaltigen Unterschied. Ich habe auch moderne beziehungsweise neue Häuser geleitet, aber solch ein Traditionshaus macht ehrfürchtig, dankbar und nachdenklich. Das beginnt mit den langjährigen Mitarbeitern und dem Traditionsbewusstsein der Stammgäste. Man muss Rücksicht auf gewisse Details nehmen, die in neuen Häusern nicht notwendig ist, zum Beispiel „Passt dieser oder jene neue Trend auch nur bedingt in dieses und zu diesem Haus?“

Ist für Aachen mit dem in Kürze eröffnenden Hotel an der Sandkaulstraße und den am Theaterplatz geplanten Vorhaben das Ende der Fahnenstange erreicht, oder ist bezüglich des Bettenbedarfs sogar noch Luft nach oben?

Es gibt dazu zwei Perspektiven: Die der Stadt und die der ansässigen Hotellerie. Für die Stadt ist natürlich noch Luft nach oben, da bei einigen Großveranstaltungen die vorhandene Bettenzahl nicht ausreicht. Das ist aber nur bei vielleicht 10 Prozent der Jahresnachfrage der Fall. Die Hotellerie hat aber eine eigene Realitätsbrille: In Aachen wird eine Bettenauslastung von durchschnittlich 70 Prozenterreicht, jedoch nur bei den Ketten. In der Breite sprich bei kleinen, privaten Hotels liegt sie nur bei etwa 50 Prozent. Hier ist das Ende der Fahnenstange sicherlich schon erreicht.

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Ich persönlich finde es schade, dass viele Leute hinsichtlich ihrer Kleidung keinen Unterschied mehr machen zwischen Theaterbesuch oder Kino, zwischen Kneipentreffen oder großer Geburtstagseinladung, zwischen kurzem Imbiss oder Besuch in einem gehobenen Restaurant. Stört Sie auch bisweilen die Diskrepanz zwischen Quellenhof-Ambiente und Gäste-Erscheinungsbild?

Bisweilen ja. Sich in allen Bereichen des täglichen Lebens der Würde des jeweiligen Hauses oder des Anlasses entsprechend zu kleiden, wäre schon gut. Ein Grandhotel als Beispiel soll ja auch als eine Einheit wahrgenommen werden. Das gilt nicht nur für das Ambiente, sondern auch für alle, die sich in diesem Ambiente bewegen. Aber man muss sich heute auch in alle Richtungen öffnen.

Gibt es für ein Fünf-Sterne-Hotel in einer mittleren Großstadt wie Aachen rentabilitätsbedingte Grenzen des Angebots im Gegensatz zu Metropolen wie Köln, Berlin oder München?

Ja, durchaus. Es ist in den Metropolen ein ganz anderer Wettbewerb, weswegen auch ganz andere Angebote auf den Markt gelangen, die aber so in Aachen nicht zu finanzieren wären. Dazu kommt, dass Aachen sehr gut vernetzt ist und über eine gute Kommunikation verfügt. Ein heute eingeräumtes Sonderangebot für X wird morgen von Y ebenso eingefordert, daher ist der Spielraum in einer Stadt der Größenordnung von Aachen nur sehr gering, man ist nur bedingt variabel.

Bedauern sie die gescheiterten Pläne zur Errichtung eines Konzerthauses über der Park-Tiefgarage des Casinos?

Absolut! Sogar ein weiteres Superior-Hotel mit einem großzügigen Saal von circa 9oo Quadratmetern, für entsprechende Veranstaltungsmöglichkeiten wäre gut gewesen und auch immer noch gut, da dann eine Konzentration von Sälen jeder Art und Größe an einer exponierten Stelle in Aachen gegeben wäre mit allen damit verbundenen Vorteilen.

Haben Sie eine Wunschliste an die Verantwortlichen der Stadt Aachen im Hinblick auf Stadtmarketing oder Synergiekonzepte?

Eine ganze Liste nicht, aber das Karlsjahr hat gezeigt, dass bei intelligenter Werbung und vor allem deren Platzierung die Stadt plötzlich in aller Munde ist. Nun ist nicht jedes Jahr Karlsjahr, aber es gibt zum Beispiel den Aspekt der Euregio, der in Belgien und den Niederlanden viel präsenter ist. Gerade aktuell sollte aber in diesem Bereich viel mehr für Aachen geworben werden, zum Beispiel auf den Flughäfen von Köln bis Maastricht, von Düsseldorf bis Lüttich. Man muss heraus aus der Stadt, die Mittel in einem gemeinsamen Werbetopf bündeln und dann durchdacht einsetzen. Aachen konzentriert sich zur Zeit fast nur auf die Hochschule. Dies ist auch wichtig, sollte aber andere Felder nicht ausschließen.

Können Sie bei privaten Hotelübernachtungen abschalten, oder haben Sie gedanklich immer einen Notizblock für Auffälligkeiten gezückt?

Nein, ich kann gut abschalten und urlauben. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, weisen diese mich dann und wann auf oftmals Kleinigkeiten hin. Dann erinnere ich immer daran, dass hier Menschen arbeiten und Menschen auch Fehler machen können. Die Frage ist jedoch, ob diese Fehler wirklich so gravierend sind, dass ich mich darum kümmern muss und den Kollegen darauf hinweise. Ich jedenfalls kann sehr gut alles ausblenden, wofür meine Frau dankbar ist.

In welchem Hotel würden Sie gerne einmal übernachten?

Das Ritz-Carlton in New York. Durch den Quellenhof habe ich eine Affinität zu Traditionshäusern entwickelt und stelle mir dann immer vor, wer hier schon alles ein- und ausgegangen ist. Das ist dort sicherlich sehr spannend.

Haben privat geführte Einzelhotels noch eine Zukunft?

Ja, aber nur in einem Nischenstandort oder wenn sie selbst ein Nischenprodukt sind. Solche Nischen sind natürlich ortsabhängig. Wichtig ist ein Gesamtkonzept, was stimmig und nicht halbherzig ist, wofür wiederum Visionen Voraussetzung sind. Ein weiterer Aspekt, der sich bei Privatbetrieben stellt, ist auch oft die Frage der Nachfolge, denn die Kinder stehen nicht immer automatisch zur Verfügung. In Hotelketten ist dies anders, hier arbeiten zumeist Menschen, die sich bewusst für diesen Beruf entschieden haben. Wo sehen Sie den Aachener Quellenhof in nicht 100, aber 10 Jahren?

Rein persönlich und ganz subjektiv gesprochen: Ich sehe den Quellenhof immer noch bei Accor, aber nicht mehr innerhalb der Pullman-Familie, sondern eher bei den MGallery-Häusern. Diese sind auch Top-Hotels aber individueller und traditioneller. Pullman-Hotels sind eher neue, moderne Business-Häuser. Dies würde aber einhergehen mit einer Umstrukturierung der Zimmer: Weniger kleine Einzelzimmer wie auch schon bei Hotelneubauten, stattdessen Doppelzimmer zur Einzelnutzung und die Einzelzimmer jeweils mit einem benachbarten Doppelzimmer verbunden, um mehr Junior-Suiten beziehungsweise Familienzimmer anbieten zu können.

Herr Hubel – Vielen Dank für dieses Gespräch!

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TEXT: Rainer Güntermann

 FOTOS: Quellenhof Aachen

DIE GESCHICHTE DER EINBAUKÜCHE

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Es gibt deutsche Wörter, die so eindeutig wie unübersetzbar sind: Auslegeware oder Kindertagesstätte und: Einbauküche. Seit der Nachkriegszeit steht dieser Begriff für Modernität, Pflegeleichtigkeit, Arbeitsoptimierung und Platzminimierung. Was waren die Vorläufer, und wie ist es um ihre Zukunft bestellt? Wir beleuchten Historie und aktuelle Trends.

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Nie zuvor gab es so viele Kochshows im Fernsehen, Kochzeitschriften im Handel, Internetforen über das Kochen und Werbekampagnen mit sogenannten Promi-Köchen, die scheinbar mehrere Alter-Egos beschäftigt haben. Sonst wäre die gleichzeitige Anwesenheit im Fernsehen, bei Charity- und Sponsoren-Veranstaltungen, auf Buchvorstellungen und beim Tischrundgang mit blütenweißer Kochjacke in den oft mehreren eigenen Restaurants nicht möglich.

Gleichzeitig erobern Convenience-Produkte immer mehr Regalmeter in den Supermärkten und Discountern. Nimmt die Fettleibigkeit stetig zu, und gibt es immer aufwändigere Küchenmaschinen, die ganze Herstellungsprozesse in einem Arbeitsgang erledigen. Jede technische Neuerung findet sofort Anwendungsmöglichkeiten in der Küche. Stichwort „Intelligenter Kühlschrank“, der mittels einer eingebauten Kamera permanent einen Einkaufszettel diktiert. Wahrscheinlich ist bei Erscheinen dieses Artikels die Technik schon so weit fortgeschritten, dass das Kühlgerät automatisch beim örtlichen Versanddienst eine Nachlieferung in Auftrag gegeben hat, die täglich in die gekühlte Poststation im Vorgarten geliefert wird.

Die Frankfurter Küche

Diese zeitliche Kopplung von Fortschritt und Umsetzung in die Küchenpraxis ist aber vergleichsweise noch jung. Gab es Anfang des 19. Jahrhunderts bereits in den Großstädten Gasnetze für Straßenbeleuchtung, so dauerte es noch bis zum Ende desselben Jahrhunderts, bis Gas auch für Kochzwecke in den Haushalten genutzt wurde. Gleichzeitig schritt die Elektrifizierung mächtig voran und löste die Gaslampen immer mehr ab, aber erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hielten elektrisch betriebene Herde großflächig Einzug in die Küchen moderner Häuser. In der Folge nahm dann die Zeitspanne zwischen Innovation und praktischer Umsetzung immer mehr ab.

 

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Kücheneinrichtung nur wenig kueche-22Aufmerksamkeit gewidmet. Warum auch, waren doch fast ausnahmslos Männer mit der Bau- und Einrichtungsplanung beschäftigt, die wiederum mit Haushaltsaufgaben rein gar nicht in Berührung kamen. In vornehmen Häusern waren die Küchen zudem dem Personal vorbehalten und befanden sich häufig im Souterrain in geruchs- und lärmabsorbierender Distanz zum Speisesaal. Allenfalls in der Reisegastronomie, Stichwort Bahnwagon oder Zeppelinküche, kümmerte man sich um Küchen­arbeitsplatz-Optimierung.

Bedingt durch die voranschreitende Industrialisierung strömten aber auch immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt, weswegen zumeist ihre Arbeit in der Küche rationalisiert werden musste. Die gesellschaftlichen Umwälzungen brachten auch nahezu revolutionäre Ideen hervor wie die der Zentralküche in Mehrparteienhäusern, verwirklicht in einigen neuen Berliner Arbeitersiedlungen. Durchsetzen konnte sich diese Lösung aber nicht. Jedoch war das Thema Küchenplanung nun kein Nischenthema mehr. Der Bauboom der Zwanziger Jahre mit ganzen Siedlungen und zum Teil neu geschaffenen Stadtteilen forderte standardisierte Konzepte.

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Taylorismus war das Zauberwort. Die exakte Vermessung von Arbeitsabläufen auch in der Küche. Wie lange dauert welche Arbeit? Wie lang sind die Wege während der Arbeit? Wie oft muss die Frau sich bücken, wie oft strecken? Vorläufer daraus resultierender Küchenkonzepte gab es bereits in den Musterhäusern des Bauhauses. Der große Durchbruch aber gelang der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit der von ihr entwickelten Kompaktküche auf exakt 6,5 Quadratmetern, die im Zuge der gewaltigen Neubaumaßnahme „Neues Frankfurt“ 1926 vorgestellt wurde und daher später als „Frankfurter Küche“ zum Inbegriff von Funktionalität und Arbeitsoptimierung bei gleichzeitig hohem Anspruch an die Ästhetik wurde.

Keine wahllos aneinander gereihten Einzelmöbel mehr, sondern ein zusammenhängendes Möbel mit einer tiefer liegenden Platte zum Arbeiten im Sitzen vor dem Fenster. Darin eingelassen ein Abfallloch mit Behälter darunter, über und neben einer Doppelspüle zum Vor- und Endreinigen Abtropfgestelle zum gleichzeitigen Lagern. Handliche Aluminium-Schütten für alltägliche Lebensmittel, lackierte Fronten in blau-grün, weil diese Farbe von Fliegen gemieden wird und vieles mehr.

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Lag die Herstellung anfangs noch bei 500 Mark, konnten die Kosten aufgrund der riesigen allein in Frankfurt eingebauten Stückzahlen auf weniger als die Hälfte gesenkt werden. Da aus Platz- und Kostengründen auf Rückwände bzw. Seitenenden verzichtet wurde, konnten sie bei einem Ausbau nicht weiterverwendet werden und wurden schlichtweg bei Umbauarbeiten entsorgt. Nur wenige Exemplare sind noch erhalten. Die in diversen Museen weltweit gezeigten Küchen sind zumeist Rekonstruktionen.

Zeitgleich zur deutschen Entwicklung erarbeitete auch in Schweden eine Frau, Sara Reuterskiöld, ein neues Küchenkonzept. Auch ihr ging es um Arbeitsplatzoptimierung und Funktionalität in der Küche. Die Frau sollte weniger Zeit in der Küche, dafür mehr mit ihrer Familie verbringen. Im Gegensatz zu Deutschland erfuhr die Weiterentwicklung aber keine Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg. Bereits Anfang der 1940er Jahre erarbeiteten verschiedene Institute eine nicht mehr vom Tischler vor Ort zusammen zu bauende, sondern vereinheitlichte und vorgefertigte Einbauküche. Ein erster Maß-Standard für die als Schwedenküche bezeichneten Küchenmöbel wurde 1948 festgelegt. In den 1960er und 1970er Jahren erfolgten Anpassungen, die noch heute international Gültigkeit haben und auf einem Grundmodul von 60 x 60 x 90cm beruhen. Ein in den 1950er Jahren entwickeltes Schweizer Maßsystem mit einer abweichenden Breite von 55cm konnte sich international nicht durchsetzen, ist aber parallel immer noch auf dem Markt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten neue Materialien Einzug und der Begriff der Pflegeleichtigkeit wurde zur Maxime der neuen Einbauküchen-Generation. Mit Resopal beschichtete Spanplatten für Fronten und Arbeitsflächen ersetzten Naturmaterialien, der Fliesenspiegel zwischen Unter- und Oberschränken wurde Standard. Auch unter dem Einfluss des auflebenden Feminismus’ wurden die kleinen und schmalen Zubereitungsküchen aber immer mehr als Verbannung und Isolation der Hausfrau gebranntmarkt, und die Gegenbewegung der Modulküche trat auf den Plan.

kueche-09Protagonist war in den 1980er Jahren der Designer Otto „Otl“ Aicher mit seinen Büchern gegen das „Diktat der Einbauküche“. Offene oder Wohn-Küchen waren nun das Maß der Dinge. Mit Einzelmöbeln, Mut zur Lücke, offenen Regalen für Utensilien und einer Umgebung, die wieder Lust auf das Kochen machen sollte. Geräte aus der Profi-Gastronomie bereicherten das Instrumentarium, ebenso Edelstahl nicht nur für die Spüle. Aber auch Naturholz kehrte wieder zurück und unterstrich die Zugehörigkeit der Küche zum restlichen Wohnbereich. Kochinseln – auch dies eine Adaption aus der gewerblichen Küche – ermöglichten völlig neue Grundrisse. Man kochte nun mit dem Gesicht zur Familie beziehungsweise den Gästen, der Arbeitsvorgang selbst wurde zum Bestandteil eines Essens und unterbrach es nicht mehr.

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Seit der Jahrtausendwende kommt nun auch jede technische Errungenschaft direkt in Form von Ausstattungs­neuerungen zum Einsatz. Damals beginnend mit selbst abtauenden Kühlschränken über selbstreinigende Öfen und Oberflächen mit Lotuseffekt. Inzwischen sind es das Lebensmittel erkennende und sich selbst einstellende Bratröhren, eine drahtlos vernetzte Elektronik, die ich mit meinem Smartphone von überall aus kontrollieren, bedienen und regeln kann. Bildschirme nicht nur zur Rezeptelektüre, Arbeitsflächen mit integrierten Geräten aus einem Guss oder hauchdünne Beton- und Steinoberflächen auf Trägermaterial als Fronten.

Alles stylisch, alles offen arrangiert und einladend wohnlich oder in Reih und Glied hinter sich automatisch schließenden Lamellen verborgen und puristisch. Bei der Küchenplanung müssen sich alle Haushaltsmitglieder umfangreiche Gedanken machen, was ihnen wichtig ist. Technisch, optisch und auch aufteilungsmäßig. Ein genaues Aufmaß der baulichen Gegebenheit ist ebenso Voraussetzung wie die Information über Materialien. Virtuelle Planungsspiele am Computer können hilfreich bei der Visualisierung sein, ersetzen aber nicht informative Beratungsgespräche mit Fachleuten. Küchenplanern, Innenarchitekten, Elektrikern, Installateuren oder auch das Sammeln von Erfahrungsberichten anderer.

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Denn: Alles ist möglich – nicht alles ist nötig.

 

TEXT: Rainer Güntermann

FOTOS: SIEMATIC MÖBELWERKE / www.siematic.com, Jonathan savoie, amk