Lichterfest – Neue Leuchten zur dunklen Jahreszeit

Wenn man dem Winter mit seinen frühen Abenden etwas Positives abgewinnen kann, dann sind das auf jeden Fall das prasselnde Kaminfeuer, die Mußestunden ohne Gartenarbeit mit einem guten Buch, deftige Eintöpfe mit saisonalen Gemüsen und die stimmungsvolle Illuminierung der Räume durch entsprechende Leuchten. Seit dem verordneten Ende der Glühlampe hat sich einiges auf dem Markt getan. Wir zeigen Ihnen einige Beispiele.

Es gibt Erfindungen, die sind nicht nur bahnbrechend, sondern geradezu von evolutionärem Ausmaß: das Rad, die Dampfmaschine, das Automobil – und die Glühlampe. 1880 von Thomas Alva Edison zum Patent angemeldet durfte sie uns nicht nur mit ihrer Leuchtkraft fast 130 Jahre erwärmen. Dann wurde aus Umweltgründen 2009 beschlossen, ihre Produktion successive abzuschalten, obwohl die Energie, die im Haushalt für Beleuchtung aufgewendet wird, nur zwei Prozent beträgt. Seit letztem Jahr wird sie also in keiner Watt-Größe mehr produziert, da sie nur fünf Prozent der Energie in Licht umwandelte, aber 95 Prozent in Wärme. Es folgte die Energiesparlampe, wobei der Name relativ ist. Denn auch sie wandelt gerade einmal 25 bis maximal 30 Prozent der Energie in Licht um, benötigt aber bei der Herstellung fast 4 KWh im Gegensatz zu nicht einmal 1 KWh, welche die Produktion einer Glühlampe brauchte. Vor dem Hintergrund, dass Fieberthermometer mit Quecksilber verständlicherweise inzwischen verboten sind, weil bei Bruch dessen Freisetzung zu massiven Gesundheitsschäden führen kann, ist die Energiesparlampe mit diesem und noch mehreren weiteren Giftstoffen nicht wirklich die gesunde Alternative, für die sie immer ausgegeben wird. Durch ihr unnatürliches Farbspektrum mit viel UV-, aber wenig Infrarot-Licht nehmen wir ihre Leuchtkraft auch immer als kalt und ungemütlich auf.


Glücklicherweise hat aber auch die Forschung weiter an wirklichen Alternativen gearbeitet und die LED (lichtemittierende Diode)-Lampen auf den Markt gebracht. Mit diesen neuen Leuchtmitteln lässt sich nun 70 bis 90 Prozent Energie sparen, und die längere Lebenszeit und wesentlich erhöhte Schaltbarkeit amortisieren die erhöhten Anschaffungskosten bereits nach kurzer Zeit. War die erste Generation auch hinsichtlich der Umweltfreundlichkeit noch nicht ganz makellos, sind nun aber weiterentwickelte Modelle auf dem Markt, die uns wieder das wahrlich warme Licht der guten alten Glühlampe spüren lassen. Bei diesen LED-Filament-Lampen wird die Optik der ehemaligen Kohlefäden nicht nur nachempfunden, sondern durch  fantasievolle Windungen noch gesteigert, wobei der Energieverbrauch extrem niedrig, die Lichtausbeute dabei aber hoch ist. Daher ist es auch reizvoll, diese in Gruppen von mehreren Leuchten zusammen aufzuhängen oder aufzustellen.

Doch auch bei den „normalen“ LED-Lampen ist die Entwicklung dank intensiver Forschung weiter gegangen, und somit ist die Palette an neuen Leuchten mit neuartigem Design, verbunden mit innovativer Technik immens gewachsen. Es braucht schon eines guten Fachgeschäftes mit geschultem Personal, um sich einen fundierten Überblick über alles, was heute möglich ist, zu verschaffen. Lichtplanung ist nicht mehr nur Gewerbebetrieben vorbehalten, sondern nimmt auch Einzug in Privathaushalte – Smarthome ist das Stichwort. Individuell steuerbare Licht-Inszenierungen setzen Akzente, heben hervor oder lassen gezielt in den Hintergrund treten. Leuchten sind nicht mehr statisch in Position und Funktion. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die Leuchte MITO von der deutschen Firma OCCHIO, die erst 1999 gegründet wurde, inzwischen aber auf dem heimischen Markt führend für hochwertige Designerleuchten ist. Als eines der innovativsten Unternehmen in dieser Sparte entwickeln sie Lichtkörper nach dem eigenen Selbstverständnis, dass gutes Licht gleichzeitig Lebensqualität bedeutet. MITO überzeugt gleich mit mehreren technischen Raffinessen: Als Pendelleuchte lässt sie sich leicht in der Höhe verstellen, wobei die Kabel sich unsichtbar aufrollen oder verlängern, der Lichtauslass kann stufenlos zwischen Up- und Downlight verteilt werden, jeweils unabhängig voneinander dimmbar, und dies alles ohne Lichtschalter, sondern am Leuchtenkopf selbst allein durch Gestik ohne Berührung oder über eine App. Auch kann die Farbtemperatur situationsbedingt ausgewählt werden. Damit ist diese Leuchte universell einsetzbar, unabhängig von Deckenhöhe und Raumart.

Diese beiden Faktoren sind jedoch maßgeblich bei der Auswahl der jeweiligen Beleuchtung. Lange Zeit war die mittig in der Decke platzierte Pendelleuchte mangels vorhandener Alternativen das Maß aller Dinge. Als zeitgemäßer Nachfolger von Kronleuchter und Lüster schwebte und schwebt sie oft noch ohne relevanten Möblierungs-Bezug in der Raummitte und verteilt das Licht ziellos. Selbst über Esstischen erscheinen viele Leuchten willkürlich. Eine einfache runde Leuchte über einem länglichen Esstisch macht wenig Sinn, es sei denn, mehrere kleine Ausführungen sind in Reihe gehängt, wie dies auch über Küchentresen oder –theken sinnvoll ist. Hierbei sollte möglichst die gesamte Lichtmenge nach unten auf den Tisch mit Essen oder die Arbeitsplatte mit Lebensmitteln gerichtet sein, allenfalls ein kleiner Teil nach oben zur diffusen Allgemeinbeleuchtung.

Ein blendfreies Essen im Sitzen oder Arbeiten im Stehen ist dabei unabdingbar. Daher sind in Höhe und Lichtintensität verstellbare Leuchten eindeutig zu präferieren. Beispielhaft ist die Leuchte LEDERAM MANTA S1 von Catellani & Smith. Sie ist rund, hat aber einen dreifach abgewölbten Schirm, dessen goldene Untersicht durch einen Reflektor angestrahlt wird und die Lichtmenge wieder nach unten in die Breite leitet.

Bei dem Einsatz im Wohnbereich kann die Höhe statisch sein, die Möglichkeit der situativen Einstellung der Helligkeit sollte aber auch hier gegeben sein. Dafür muss jedoch noch mehr Wert auf das Design gelegt werden, da die Leuchten in der Regel tiefer und somit noch mehr im Blickfeld hängen. Um Blendfreiheit zu erreichen, sind auch Leuchten von Vorteil, bei denen die Lichtquellen durch Matt- oder Opalglas verdeckt werden. Einzelne Objekt-Inseln wie Beistelltische oder Kunst- und Deco-Objekte werden dagegen besser mit Deckenspots in Licht-Szene gesetzt. Es sei denn, man verbindet beides miteinander mittels der Leuchte DNA von Next als Standvariante, deren einzelne Module in Form von organischen Strukturen mit jeweils 3 Leuchtkugeln untereinander frei addierbar und somit Lichtspender und individuelles Designobjekt in einem sind.

Flure und Dielen, die eigentlich den ersten und damit wichtigen Eindruck für Besucher vermitteln, werden leider immer noch –nicht nur bezüglich der Leuchten-Auswahl- stiefmütterlich behandelt. Gerade hier lässt sich jedoch vortrefflich inszenieren. Wandstrahler, Deckenfluter oder eine strenge Pendelreihung können diese Funktionsräume zu Bühnen machen. Spots sind hier im Idealfall immer leicht gegen die Wände geneigt, um interessante Lichtkegel zu erzeugen, statt nur die Häupter der durchlaufenden Personen von oben zu belichten. Eine interessante Wandlösung ist die Leuchte iO VERTICALE von Occhio, die mittels zweiseitigem Lichtauslass und 360 Grad Drehbarkeit faszinierende Lichtgeometrien auf die Wand zaubert.

Treppen- oder Treppenhausbeleuchtungen erfordern wiederum ganz andere Lösungen. Dabei kommt es darauf an, ob auch Besucher diese benutzen oder nur die Bewohner. Bei letzteren reicht es vielleicht aus, jede dritte oder vierte Stufe von einer Seite aus zu beleuchten. Für Besucher jedoch ist es problemloser, wenn jede einzelne Stufe einigermaßen ausgeleuchtet ist ohne Schattenzonen dazwischen, vor allem beim Abstieg. Große Treppenaugen, eine zweigeschossige Halle oder ein Atrium verlangen geradezu nach ebenso groß(artig)en Lösungen. Mehrere Leuchten aus einer Serie, eventuell auch in verschiedenen Größen, hängen an unterschiedlich langen Pendeln und leuchten somit auf elegante und imposante Weise die einzelnen Niveaus hinreichend aus. Möglich ist auch die Wahl von verschiedenen Oberflächen oder Farben, die jedoch in einem Zusammenhang stehen sollten. Beispielsweise ist die Pendelleuchte MELT PENDENT von Tom Dixon in den drei metallischen Tönen Gold, Silber und Kupfer erhältlich. Die einer geschmolzenen Glasblase ähnelnden amorphen Leuchtkörper mit ihren im Off-Zustand verspiegelten Oberflächen bilden in ihrer Gesamtheit meisterhaft den hier nötigen Eyecatcher.

Wichtig bei allen Einsatzbereichen ist die genaue Feinjustierung des Lichtwunsches und die daraus resultierende Leuchtenauswahl. Um eine Übersicht über die innovativsten technischen Möglichkeiten und die neuesten Designs zu bekommen, bedarf es eingehender Beratung durch Fachhändler. Eine Internet-Recherche als Laie ist als Einstieg und Orientierungshilfe vielleicht sinnvoll, jedoch sicherlich nicht ausreichend. Um eine individuelle Konzeptionierung der Beleuchtung zu erstellen, ist die professionelle Lichtplanung durch einen Fachbetrieb sinnvoll. Dies gilt nicht nur für Neubauten. In diesem Falle jedoch ist diese noch vor Baubeginn anzuraten, da dann alle Optionen für spätere Leuchten berücksichtigt werden können, und die neue „Lieblingsleuchte“ nicht an einem falsch platzierten Anschluss scheitert, denn: Gutes Licht ist Lebensqualität.

 

TEXT: Rainer Güntermann

FOTOS: Occhio, SERIEN RAUMLEUCHTEN, LEDERAM, OCHIO, LUCEPLAN, LICHT IM RAUM, NORTHERN LIGHTNING, BOVER, FOSCARINI, DeltaLight

alles aus zucker

Ein Gartenbericht in der Winterausgabe? Vielleicht ist es in der Euregio Anfang Dezember noch zu früh für klirrend kalte Nächte, tiefe Nebelschwaden am Morgen über feuchten Niederungen und mittags drauf strahlenden Sonnenschein auf Frostkristalle. Aber der Winter kommt ja erst noch und mit ihm überall auch das jährliche Faszinosum von über Nacht gezuckerten Gräsern und vertrockneten Blütenständen in tief stehendem Sonnenlicht.

Man muss nicht gerade physikalisch interessiert oder bewandert sein, um jedes Jahr aufs Neue die kristallinen Strukturen von gefrorener Feuchtigkeit zu bewundern. Während des Tages angetauter Schnee, der über Nacht wieder neu gefriert und erstaunliche geometrische Strukturen bildet, die noch in der Mittagssonne wie geschliffene Diamanten funkeln. Hagebutten und Beerendolden, welche von einem Konditor nicht schöner in Zucker-Szene gesetzt werden könnten. Gräser und Halme, die einzeln überzogen sind mit feinsten Eisstrukturen. Ein Garten mit Pflanzen, deren verwelkte Blätter, vertrocknete Blüten und verdorrte Fruchtstände nicht vor Beginn der Frostperiode gleichsam dem Erdboden gleichgemacht wurden, belohnen den Betrachter nun mit einem glitzernden Schauspiel. Selbst am Vortag noch trist aussehendes Restgrün ist nach einer feuchten und sehr kalten Nacht von einem versöhnlichen Zuckerguss überzogen. Hatte man bis dato eventuell noch ein schlechtes Gewissen aufgrund noch nicht erledigter Gartenarbeiten, tröstet der faszinierende Anblick zumindest eine Zeitlang darüber hinweg. Und vielleicht nimmt man diesen friedlichen Eindruck ja zum Anlass, mit einigen „Rodungsarbeiten“ bis nach dem Winter zu warten, um während dieser Zeit noch öfter in den Genuss dieses Anblicks zu kommen.

Will man nicht alles dem Zufall überlassen und das beschriebene Erlebnis näher ins Blickfeld holen, kann man auch nachhelfen, indem man schön verblühte Zweige, Wedel, Gräser und dergleichen zu einem dicken Strauß bindet, in ein Behältnis ohne Wasser auf den Terrassentisch stellt und vor einer angekündigten, stark frostigen Nacht mit Wasser bestäubt – und schon macht sich der Zuckerbäcker an seine Arbeit. Im Übrigen haben bisher kaum beachtete Sträucher, Stauden und andere Pflanzen jetzt ihren großen Auftritt. Vor kurzem noch zum Teil verdeckt durch üppiges Grün von Hecken oder Sommerblühern drängen sich ihre Zweige und Fruchtstände nunmehr ungeduldig in den Vordergrund. So leuchten die roten Beeren der Stechpalme, auch Christdorn oder Ilex genannt, und die der Felsenmispel (Cotoneaster hybridus pendulus) jetzt um die Wette – falls die Singvögel etwas übrig gelassen haben. Auch Birkenstämme, die jetzt nicht mehr von der Laubkrone verschattet werden, leuchten in der Wintersonne, genau wie die Zweige des roten Hartriegels. In den laubfreien Bäumen bestimmen nun Mistelkugeln mit ihren glasig-weißen Perlen die Silhouette, und vor kurzem noch traurig anzuschauende Rosenzweige mit bräunlich-verwelkten Blüten trumpfen nun auf mit roten Hagebutten. Auch vertrocknete Distelblüten, die rostbraun verfärbten Fruchtstände des inzwischen kahlen Essigbaumes und der Fetten Henne, die blau-grünen Zweige des Eukalyptus-Strauches, die jetzt papiernen Blüten der Hortensien in ihren müden Farbnuancen, die orangenen Früchte der Lampionpflanze und des Zierapfels – sie alle prägen die winterliche Idylle eines Winter – Gartens.

Sind Hecken und Formbüsche nicht nur im Frühjahr, sondern auch noch einmal im Herbst sorgfältig zurechtgeschnitten worden, wird man bei Frost oder gar Schnee Zeuge einer geometrischen Zuckerwatte-Architektur, die dem Eindruck im Sommer in Nichts nachsteht. Mit fachmännischer Hilfe lässt sich eben auch ein beeindruckendes Winterbild des Gartens planen. Dann sehnt man sich beim Blick nach draußen auch gar nicht mehr so sehr den Frühling herbei, denn auch jetzt kommt das Auge voll auf seine Kosten. Zu viel des Guten ist aber auch im Winter den Pflanzen abträglich. Kann man im Sommer zuviel Sonne und Hitze nicht einfach abstellen und allein mit ausreichendem Gießen die Gewächse vor noch größerem Schaden bewahren, so besteht im Winter aber die Möglichkeit, bei zuviel Schneefall die Pflanzen von der zu großen Last zu befreien. Dies sollte man spätestens bei einer Schneehöhe von 10 Zentimetern auch tunlichst beherzigen, um Zweige vor Bruch zu schützen. Ansonsten heißt es im Winter aber nur: Sitzen, schweigen, genießen – im Idealfall am Kamin mit einem guten Roten…

Text: Rainer Güntermann

ERIK OFFERMANN

Magische Landschaften – Diese beiden Wörter begegnen dem Kunstinteressierten immer wieder, wenn er sich mit den Arbeiten von Erik Offermann beschäftigt. Wir hatten die Gelegenheit, den Aachener Maler in seinem Atelier zu besuchen und ihm einige Fragen zu stellen.

Beim Betreten des Ateliers von Erik Offermann in der Mariahilfstraße in Aachen erfasst mich zunächst ungläubiges Staunen: Eine derart aufgeräumte Künstlerwerkstatt habe ich nicht erwartet und so auch noch nicht gesehen. Wären da nicht zumindest ein paar angebrochene Farbdosen auf einer quadratischen Palette, könnte man meinen, sich in einer Galerieausstellung zu befinden. Nach Roland Mertens, Eric Peters und Manfred Schieber stellen wir einmal mehr einen heimischen Künstler vor, den man mit seiner Malerei auf den ersten Blick ebenfalls mit dem Schlagwort Fotorealismus in Verbindung bringen könnte. Aber wie seine erwähnten Zeitgenossen hat auch Erik Offermann vor dieser vermeintlichen Genrezugehörigkeit seinen ganz persönlichen, auch in diesem Fall unverwechselbaren Stil gefunden und weiterentwickelt.

Erik Offermann, Am Rathaus, Öl auf Leinwand,100 x 100 cm

Erik Offermann, Stadtwald 1, Öl auf Leinwand,100 x 150 cm

Nach der Absolvierung der Aachener Fachoberschule für Gestaltung in der Liebigstraße zog es den 1956 in Aachen geborenen Künstler zunächst nach Köln, wo er von 1975 bis 1981 an der damaligen Werkkunstschule Malerei studierte und 1982 in die Meisterklasse von Professor Pravoslav Sovák aufgenommen wurde. Mit den Musikern der Kölschrockband BAP, die ebenfalls dort studierten, genoss er die Kölner Kunstszene und nahm an kleinen Gruppenausstellungen in Cafés und Kneipen teil, bis er 1982 den Preis des Kölnischen Kunstvereins gewann und im selben Jahr eine Ausstellung in der Orangerie vom Brühler Schloss Augustusburg hatte. Dennoch zog es ihn nach Aachen zurück, wo er durch Zufall die Möglichkeit bekam, in die erste Etage eines Dreifensterhauses in der Mariahilf-straße zu ziehen. Mit kleineren Ausstellungen in Galerien und den Verkäufen seiner Bilder vornehmlich an Bekannte und Verwandte schlug er sich durch, bis er mit einem Künstlerfreund auf die Idee kam, in den damals noch existierenden Karstadt-Galerien selbst entworfene Grafiken vor den Augen der Kunden auf einer dafür erworbenen Druckpresse zu produzieren. Der Verkauf lief derart gut, dass man in Köln wieder auf ihn aufmerksam wurde. Daher bot ihm 1999 die damalige Galerie Kunsthaus eine Einzelausstellung an, auf der seine ersten Stadtbilder von Köln gezeigt wurden. Bereits zur Vernissage waren alle Bilder verkauft, und es folgten viele Jahre der erfolgreichen Zusammenarbeit bis zur Schließung der Galerie. Durch Weitervermittlung an die Galerie Osper, gab es einen nahtlosen Übergang, und seither ist diese seine „Heimatgalerie“. Betrachtet man die Stadt- und Landschaftsbilder von Erik Offermann, so scheinen die Motive scheinbar zufällig ausgewählt zu sein, erst beim genauen Hinsehen sind die Bildkompositionen augenfällig und zoomen gleichsam das Auge heran, um das vermeintlich Bekannte und Vertraute näher zu erforschen. Obwohl der Horizont nie unendlich offen ist, wird der Blick in eine weite Tiefe gelenkt und die Landschaft dabei aufgesogen. Dies alles ist so stimmig, da bereits die Fotovorlagen nach diesen Kriterien ausgesucht und erstellt wurden. Durch die ganz eigene Art der unscharfen und verwischten Malerei verlieren die Fotografien ihre Realität, und das Bild bekommt eine geheimnisvolle Ausstrahlung, zu der auch die reduzierte Zweifarbigkeit von Blau- und Grüntönen beiträgt. Diese kühle Farbigkeit verstärkt bei seinen Meeresbildern das Gefühl des Beteiligtseins. Hier spürt man den Wind, riecht die salzige Luft, und der Betrachter lässt das Auge gedankenverloren bis zum Horizont schweifen.

Schon bei den Stadt- und Landschaftsbildern beschleicht einen das Gefühl, dass jetzt etwas passieren könnte, im Hintergrund ein Spaziergänger auf den Waldweg einbiegt oder ein Passant den Platz queren wird. Mit diesem Eindruck spielt Erik Offermann gekonnt in seiner Bildreihe „Hitchcock“. Hier kennt der filmaffine Betrachter bereits den weiteren Verlauf des abgebildeten Moments, weiß um die nächste Szene direkt im Anschluss. Die Spannung geht aber nicht verloren, sondern erfährt durch die unscharfe Malerei in monochromen Graunuancen noch eine Steigerung. Stilistisch nimmt er dabei wieder Bezug auf eine alte Bilderserie, in der er Fotomotive aus dem Familienalbum als Bildvorlagen genommen hatte. Ganz aktuell ist er aber wieder zurück in die Natur gegangen und hat gerade einige Bilder aus Aachen und der Umgebung fertiggestellt. Jetzt lässt sich auch das aufgeräumte Atelier erklären.

Erik Offermann, Vertigo 1, Öl auf Leinwand, 90 x 150cm ,2017, Nr. 994

Wie haben Sie Ihren ganz perönlichen Malstil gefunden? War das ein langer Prozess oder gab es einen konkreten Auslöser?
Gezeichnet und gemalt habe ich als Schüler schon gerne, nicht nur in der Schule, sondern auch in meiner Freizeit, wo ich, wie ich mich erinnere, das Beatles Cover „Revolver“ in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern auf ein Maß von, ich glaube, zwei mal zwei Meter per Raster übertragen habe. Ich entwarf Autos, futuristische Innenräume und malte perspektivische Landschaften. Also hatte ich nach meiner Schulzeit eine ganze Menge „Material“, mit dem ich zur Aufnahmeprüfung und Mappenvorlage zur Schule nach Köln fuhr. Professor Sovák nahm mich in seine Klasse auf, und ich lernte,wie man Radierungen herstellt und druckt. Begeistert war ich von seinen Landschaftsgrafiken, die eine gewisse Unschärfe hatten. Das war spannend, und viel später dachte ich, dass man so auch malen kann. Damit begann ich und es funktionierte. Das war, denke ich, ein entscheidender Auslöser.

Gehen Sie bewusst auf Motivsuche in bestimmte Landschaften oder spielt Ihnen der Zufall eines visuellen Eindrucks in die Hände?
Beides. Mal ergibt sich, wie zum Beispiel bei einem Spaziergang durch den Wald, am Meer oder in einer Stadt eine Situation, die man festhalten will, ein anderes mal geht man bewusst dorthin, wo man weiß: Das interessiert mich, das willst du malen. Das war übrigens der entscheidende Ratschlag, den ich von Sovák bekam, als man sich als Student erst einmal im „Niemandsland“ befand und alles Mögliche malte. „Gehen Sie dahin,wo Sie aufgewachsen sind, sehen Sie sich um, und malen Sie dann das, was Sie berührt.“

Entwickelt sich das Motiv während des Malens weiter oder wissen Sie bereits zu Beginn,wo die künstlerische Reise hingeht?
Ungefähr weiß ich das schon, aber nicht genau. Ein Foto, das ich mache, ist lediglich die Orientierung, das Malen aber geht darüber hinaus, ist also der Weg die Situation so zu zeigen wie ich sie empfunden habe.

Stört Sie die küntlerische Schublade „Fotorealismus“, in die Sie oft eingeordnet werden?
Was ich male ist kein Fotorealismus. Der Fotorealismus ist die exakte, fast überzogene Darstellung eines Fotos. Ich benutze,wie gesagt, das Foto als Hilfsmittel, male das Foto nicht ab und verzichte auf fotografische Details. Ich möchte einem Bild einen emotionalen Ausdruck geben. Die Verwischung bietet, im Gegensatz zum Fotorealismus, den Spielraum zur Interpretation, den Freiraum.

Hat die Beschränkung auf die beiden Farbspektren von Grün und Blau einen bestimmten Hintergrund?
Das ist tatsächlich oft, aber nicht immer der Fall. Ich denke man nimmt aus der Palette die Farben, die man mag und die zum jeweiligen Bild passen. Die Reduzierung auf wenige Farben gibt dem Bild einen sachlichen Charakter, der im Kontrast zur Emotionalität stehen soll.

Gibt es Vorbilder oder zumindest Lieblingskünstler in der Kunstgeschichte?
Bei einem Aufenthalt in New York, ich war damals 26, stand ich zum ersten mal vor einem großformatigen Bild von Franz Kline. Da hatte jemand mit wenigen, dicken Pinselstrichen eine Hafensituation gemalt, die man nicht besser hätte darstellen können. Fantastisch, eindrucksvoll! Aber genauso Künstler des Informel, wie beispielsweise Cy Twombly. Soviel zu „Lieblingskünstlern“. Eine ganz andere Art zu malen, aber vielleicht bewundert man das, was man selbst nicht kann. Ein gewisses Vorbild war und bleibt Professor Sovák, bei dem ich sehr gerne studiert habe,und dem ich,was die Betrachtungsweise auf die Kunst angeht, viel zu verdanken habe.

Wie sind Sie zu dem Exkurs von Landschaftsmotiven zum Hitchcock-Zyklus gekommen?
Hitchcock Filme sind natürlich spannend, deshalb Hitchcock. Und auch um mal ein anderes Thema aufzugreifen. Das was in in Filmen schnell an einem vorbeiläuft, wollte ich stoppen und festhalten, und alle Bilder sollten den gleichen Ausdruck haben: Da passiert gleich was!

In den 1980er und 90er Jahren gab es eine vielfältige Ausstellungskultur in der heimischen Kunstszene in Form von Gemeinschafts­schauen an spektakulären Orten wie Antoniusstrasse. Vermissen Sie solche Initiativen?
Auf jeden Fall. Das wäre ja auch was zum aktuellen Thema: Wenn man das Bordell irgendwo anders hin verlegt, kann man die Antoniusstrasse ja zur Galerie und Künstlermeile umnutzen. Aber im Ernst: Solche Aktionen sind immer gut und beleben das Interesse an der Kunst.

Was sagen Sie zur angeschlagenen Aachener Museumsszene- Stichwort Besucherzahlen?
Da gibt es einige Gründe, aber ein sehr wichtiger Aspekt sind die Standorte, die sowohl für Suermont Ludwig Museum als auch für Ludwig Forum nicht glücklich sind. Ein Museum, mit zum Beispiel Cafe, Buchhandlung, und Restaurant in einer attraktiveren Stadtlage mit einer offenen Archtektur als Ort der Begegnung, würde bestimmt zu höheren Besucherzahlen führen.

Disziplinierter Arbeiter, der zu regelmäßigen Zeiten in seinem Atelier arbeitet, oder haben Sie intensive Schaffensphasen ohne Rücksicht auf Tag und Zeit und wieder kreativen Leerlauf?
„Täglich geöffnet von neun bis 17 Uhr“! Nein , das ist nicht ganz so, aber ich arbeite täglich, auch oft an Wochenenden. Vor Ausstellungen intensiver, ansonsten gibt es immer etwas zu tun. Nach fast 40 Jahren Kunst, nach rauf und runter bleibt es immer noch so. “Noh all denne Johre“ kann ich da nur sagen.

Erik Offermann, Psycho 1, Öl auf Leinwand, 90 x 150cm, 2017 Nr. 1004

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschließend eine kurz gefasste Ausstellungs-Übersicht ohne Anspruch auf Vollständigkeit: 

2016 AAF KUNSTMESSE, Brüssel, Belgien
2015 ART FAIR, Köln
2012 GREMILLION & CO FINE ART, Houston, Texas USA
2009 GALERIE 45, Aachen
2008 ART BODENSEE
2006 GALERIE OSPER, Köln
2005 FINE ART, Köln
2004 ART KARLSRUHE
2003 GALERIE SPRINGMANN, Freiburg
GALERIE RICHTER, Berlin
GALERIE VOIGT, Nürnberg
GALERIE AM DOM, Wetzlar
2002 STADTMUSEUM, Köln
2001 GALERIE CONZEN, Düsseldorf
1999 GALERIE KUNSTHAUS, Köln
1997 VRINGS ART, Köln
1993 BOCK GALLERY, Aachen
1987 TEAM SENET GALLERY, Istanbul, Türkei
1985 WERKHOF BISSENDORF GALERIE Hannover
1982 PRATT MANHATTAN CENTER GALLERY, New York, USA
CITY UNIVERSITY, New York, USA
PRATT GRAPHICS CENTER GALLERY, New York, USA
ORANGERIE SCHLOSS AUGUSTUSBURG, Brühl
1978 KUNSTVEREIN, Bocholt

TEXT: Rainer Güntermann

Dachterrassen

Sehnsüchtig blicken viele von ihrem Balkon in die Gärten des Erdgeschosses oder der Nachbarschaft. Nie gab es so viele Magazine über Gärten, Pflanzen und Blumen. Bunte Bildbände zum selbigen Thema liegen in hohen Stapeln während des Sommers im Eingangsbereich der Buchhandlungen. Wer aber – wie ich selbst – leidgeprüfter Besitzer eines großen Gartens ist, wird alljährlich ab März von der grünen Wachstumslawine überrollt und sehnt sich vielleicht nach einem wahrlich überschaubaren Dachgarten mit klar begrenztem Wuchs-Horizont und zeitminimiertem Pflegeaufwand.

„In der Kürze liegt die Würze“. Umgemünzt auf den Dachgarten heißt das soviel wie „In der Beschränkung liegt die Wirkung“. Beschränkung bezieht sich dabei nicht nur auf die räumliche Ausdehnung, sondern vor allem auch auf die Konzentrierung auf wenige Pflanzenarten und –farben. Nicht unentschlossenes Bepflanzen mit allen Sonderangeboten aus dem Gartencenter, sondern eine gezielte Auswahl weniger Sorten, jede wiederum in möglichst einer Farbfamilie lassen die kleinen bepflanzten Flächen großzügiger erscheinen. Auf Maß gefertigte und daher den zur Verfügung stehenden Platz optimal ausnutzende Pflanzkästen verstärken diesen Eindruck und bieten im Gegensatz zu einzelnen Kübelgefäßen den Vorteil einer einfacheren Bewässerung. Besteht allerdings die Notwendigkeit des Überwinterns einzelner Pflanzen an einem anderen Ort, sind individuelle Behältnisse allerdings unverzichtbar. In diesem Falle sollte man sich aber hinsichtlich des Materials und der Farbe der Behältnissen beschränken, also ruhig den Pflanzen entsprechende verschiedene Größen, aber alle aus einem Material gefertigt und in einer Farbe gehalten.

Bei der Planung einer Dachterrasse ist die genaue Bedarfsermittlung von Sitz-, Liege- und Stellflächen ein wichtiges Kriterium vor der Verplanung von begrünten Arealen. Wenn gewünscht, wie viele Sitzplätze sollte dann ein Esstisch haben? Reicht eine Lounge-Ecke zum gepflegten Drink mit Gästen oder möchte ich auch noch mindestens zwei Liegestühle aufstellen? Nicht zu vergessen: Benötige ich einen Grillplatz? Wenn ja, wo verursacht er am wenigsten Geruchs- und Rauchbelästigung – nicht nur bezüglich der eigenen Gäste, sondern auch gegebenenfalls der Nachbarn? Wie bei der Planung einer Inneneinrichtung helfen hier ein maßstabgetreuer Grundriss und nach vorhandenen Möbeln oder Standardgrößen entsprechend zugeschnittene Kärtchen, die man hin- und herschieben kann – und natürlich „der Architekt Ihres Vertrauens“. Kaminmauern, die oft auch einen Wind- oder Sichtschutz bieten, scheinen förmlich nach einer Begrünung mit einer Rank- oder Kletterpflanze zu rufen, aber Vorsicht: Efeu und wilder Wein mit ihren Saugwurzeln sind schnellwachsend und schön, schädigen aber dauerhaft nicht nur den Anstrich, sondern auch den Putz darunter. Idealer sind Pflanzen, die sich um Rankgerüste schlingen und die Wand dahinter nicht beeinträchtigen. Aber auch hier gilt es, auf Dauer junge Triebe unter Beobachtung zu halten, damit diese sich nicht unbemerkt in Ritzen und Fugen ausbreiten und beim Ausdehnen durch Verholzung eventuell Verkleidungen aushebeln.

Im Fachhandel sind als Sonnen-, Wind- oder Sichtschutz auch schmale Längskästen mit einem komplett bewachsenen Spalier, zum Beispiel mit Buche oder Ahorn, in verschiedenen Breiten und Höhen erhältlich. Im Gegensatz zu Weiß- und Blutbuche behält die grünblättrige Rotbuche auch im Winter ihr vertrocknetes Laub am Holz und wirft es erst im Frühjahr mit dem neuen Austreiben ab. Feuerahorn macht den winterlichen Blattverlust im Herbst wett mit einem leuchtenden Farbenspiel.


Auch bei dem Bodenbelag einer Dachterrasse gilt es, Standnässe zu vermeiden und ein Gefälle hin zu einer Dachrinne einzuplanen. Mit entsprechender Ausrichtung der Rillen bei Bodenplanken natürlich. Aufgrund der exponierten Lage ist das Problem der Vermoosung von Böden nicht so gegeben wie auf mehrseitig umschlossenen Terrassen im Erdgeschoss. Dafür ist das Thema Windschutz umso wichtiger. Fest montierte Ösen aus rostfreiem Material helfen, Sonnensegel und Planen zu spannen, aber auch Stämme von Pflanzen und Sonnenschirme bei Bedarf zu sichern. Der möglich Wind ist neben der ungehinderten Sonnen­ein- strahlung auch ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Bepflanzung. Und auch bei windunempfindlichen Gewächsen helfen entsprechende Gerüste, den Wuchs gleichmäßig und nicht windschief zu ermöglichen. Bei Kübeln ist auch ein regelmäßiges Drehen eine einfache wie effektive Maßnahme. Unterschätzt wird oft die Möglichkeit der Dachterrassennutzung im Winter. Damit ist weniger das Betreten selbst als vielmehr die optische Erweiterung der Wohnung gemeint.

Akzentuiert platzierte Leuchten, die im Sommer zur Beleuchtung der Dachterrassennutzung dienen, lassen im Winter zumindest die räumliche Außenerweiterung nachvollziehen. Bei entsprechender Anzahl, Größe und Ausleuchtung kann auch die benötigte Lichtmenge im Inneren dezenter gestaltet werden. Wie ebenerdig im Garten kann auch die Bepflanzung einer Dachterrasse im Winter durchaus sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt werden. (In unserer Winterausgabe finden Sie Tipps zur Aussenbeleuchtung). Aufgrund der mannigfaltigen Möglichkeiten auf diesem doch sehr speziellen Gebiet empfiehlt sich auch hier die Beratung durch den Fachhandel. In ausreichender Zahl einzuplanende Außensteckdosen vermeiden gerade im Outdoorbereich Kabelchaos und Stolper- fallen. Dann sind auch im Sommer dem Einsatz von zusätzlichen Kühlschränken, Elektrogrills oder sonstigen Geräten keine Grenzen auf der begrenzten Dachterrassenfläche gesetzt.

Text: Rainer Güntermann

FotOS: c4sun

aha ATELIERHAUS AACHEN im DEPOT Talstraße

Das Ludwig-Forum in der ehemaligen Schirmfabrik Brauer, kreative Unternehmen im alten Schlachthof, ein international renommiertes Tanzfestival in der früheren Stahlfabrik Strang und nun

das DEPOT Talstrasse im ehemaligen Straßenbahndepot der Aseag – eine würdige Fortsetzung von gelungener Umnutzung leerstehender Industriegebäude.

EINE ADÄQUATE NEUE ADRESSE FÜR DAS ATELIERHAUS AACHEN, Und das alles im von allgemeiner Aufmerksamkeit nicht gerade verwöhnten Aachener Norden.­

Zwanzig Jahre war das ehemalige „Kloster der Schwestern zum Guten Hirten“ an der Aachener Süsterfeldstraße eine feste Adresse in der regionalen Kunstszene. Stolze 48 KünstlerInnen hatten bei der Eröffnung in unterschiedlich großen Räumen ihre Ateliers, in denen sie ungestört, aber bei Bedarf des Gedankenaustausches in direkter Nachbarschaft zu Gleichgesinnten arbeiten konnten. 1993 von Kunstschaffenden und Kunstinteressierten aus dem Förderkreis der Barockfabrik Aachen initiiert, wurde 1996 der neue Förderverein Atelierhaus Aachen e.V. gegründet und fand eine Bleibe im alten Teil des leerstehenden Klostergebäudes. Nach einigen Umbauarbeiten konnten zwei Jahre später die ersten KünsterInnen ihre angemieteten Atelierräume beziehen, ein Jahr später fand die offizielle Einweihung des Komplexes statt. Ziel war es, ambitionierten jungen Kunstschaffenden eigene Kreativräume unter einem gemeinsamen Dach günstig zur Verfügung zu stellen, so Horst Hambücker, Gründungsmitglied und mit kurzer Unterbrechung bis 2007 Geschäftsführer des Atelierhauses.

Auch zwanzig Jahre später mit dem Umzug des aha in die Räume eines Teiles des aufwändig sanierten Straßenbahndepots in der Aachener Talstraße erstreckt sich der Zeitraum der Fertigstellung der ersten Räume im November 2016 bis zur großen Eröffnung des gesamten Gebäudes im Februar 2017 über einen Jahreswechsel. Gleichgeblieben sind aber auch die Rahmenbedingungen für die Kunstschaffenden. Gefördert durch den Verein und auch finanziell unterstützt von der Stadt werden die Atelierräume zu einem Einheitsquadratmeterpreis angeboten, der weit unter dem für vergleichbare Räume auf dem freien Markt für Gewerbeimmobilien liegt. Aufgrund der hochwertigen Infrastruktur im Depot Talstraße liegt er jedoch nun rund ein Drittel über dem im alten Klostergebäude, wie uns die amtierende Geschäftsführerin, Frau Nadya Bascha, bei unserem gemeinsamen Rundgang erklärt. Dafür ist hier aber auch alles auf dem neuesten Stand der Technik, weswegen die mitgezogenen MieterInnen auch den Mehrpreis akzeptieren. Da bei annähernd gleicher Gesamtfläche jedoch statt zuletzt für 52 jetzt nur noch Arbeitsräume für 32 Kunstschaffende zur Verfügung stehen, war auch die Nichtverlängerung einiger Verträge seitens der KünsterInnen nicht problematisch.
Die Ateliers liegen sowohl im Kopfbau aus den 60er Jahren, als auch im Obergeschoss der großen Halle aus den 20er Jahren mit ihrem imposanten Betontonnengewölbe und den verglasten Dachaufsätzen, durch die eine perfekte Ausleuchtung stattfindet. Durch das Aufbrechen der Backsteinfassaden zwischen den Betonstützen ist hier auch ein 160 Quadratmeter großer Ausstellungsraum entstanden, in dem alle zwei Monate eine andere Ausstellung gezeigt wird, die bei hoher Qualität zugleich bewusst einen niederschwelligen Kunstzugang auch für Laien bieten soll. Zusätzlich zu einer jährlichen Gemeinschaftsausstellung öffnen die ansässigen KüntlerInnen zweimal jährlich ihre Ateliers, um stets im Kontakt und Diskurs mit dem Publikum zu stehen. Auch eine Metall-, eine Holz- und eine Kinetikwerkstatt im Souterrain sind vermietet und ergänzen das breite Spektrum der vertretenen Kunstrichtungen. Ein bestimmter Ausbildungshintergrund ist zwar kein Aufnahmekriterium, aber ernsthafte Professionalität mit perspektivischer Zukunft sind die Voraussetzung für eine förderungswürdige Bewerbung. Entschied bisher eine Jury aus Mitgliedern des Vorstandes und der Geschäftsführung über die Annahme eines Mietinteressenten, soll in Zukunft ein Gremium aus Vorstand, Kunsthistorikern und Leitern vergleichbarer Häuser auch im Ausland die BewerberInnen auswählen. Ein jährlicher Rundgang durch die Ateliers soll darüber hinaus die Entwicklung des künstlerischen Potentials dokumentieren. Zusätzlich will Nadya Bascha das aha noch euregionaler ausrichten, indem grenzüberschreitende Formate und Austauschprojekte für junge Positionen in der Kunst entwickelt werden sollen. Die Artothek, also die Vermietung von Kunstwerken ansässiger KünstlerInnen und die Kunstvermittlung in Form von Workshops für Schulen, aber auch einzelne Jugendliche und Erwachsene, bleiben ein Teil des Kulturangebotes, genauso wie Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Tanz, Theater und Literatur.
Das sozio-kulturelle Zentrum Depot, wie der gesamte Komplex offiziell genannt wird, unterstützt das aha dabei mit kreativen Konzepten und einem lebendigen Kunstdiskurs im Quartier. Die große Depothalle mit ihren zum Teil erhaltenen Straßenbahnschienen, Beschilderungen und einigen Segmenten des alten Schiebefalttores ist dafür ein idealer Rahmen. Groß, licht, modern, aber nicht „tot“-saniert, lädt sie geradezu ein, ein lebendiges Quartier zu erleben. Die neue Bezeichnung Piazza ist nicht nur wegen des großflächig erhaltenen Pflasters hierfür richtig gewählt. Der Clou: die Piazza bietet einen hervorragenden Rahmen für verschiedenste Veranstaltungsformate und kann auch von Externen angemietet werden. Das i-Tüpfelchen in diesem Gesamtkonzept ist die neu geplante Gastronomie im Kopfbau mit Vorplatz, die nicht nur für die NutzerInnen des Gebäudes als Treffpunkt gedacht ist. Für das nun wieder leerstehende Klostergebäude in der Süsterfeldstraße bahnt sich nach anfänglich befürchteten Abrissplänen nun ebenfalls eine neue Nutzung an. Eine auf die Sanierung von Baudenkmälern spezialisierte Firma will sich auch dieses Gebäudes annehmen und im Zuge der Entwicklung des Campus West dort Büros und Wohnungen realisieren. Sicherlich wieder eine Reportage wert.

Nach unserem Rundgang hatten wir die Gelegenheit, mit der Geschäftsführerin Frau Nadya Bascha ein kurzes Interview zu führen:

Vor Ihrem Studium der Kunstgeschichte waren Sie selbst bildende Künstlerin. Hätten Sie damals auch gerne einen solchen Kreativraum in einem Atelierhaus gemietet?

Ja! Die Anbindung an einen solchen Kontext ist interessant und befördert die künstlerische Arbeit. Das Atelierhaus Aachen bietet Kunstschaffenden in mehrfacher Hinsicht einen attraktiven, interessanten Arbeitsrahmen: 1. sind die Atelierräume ansprechend und kostengünstig, 2. können die Künstler autonom und zeitlich ungebunden in ihren Studios arbeiten, 3. ist der Verein Plattform für junge Positionen, einschließlich der hier entstehenden Kunst, und mit innovativen Ausstellungen, offenen Ateliers und externen Kooperationsprojekten wird ein großes, auch überregionales Publikum erreicht, und 4. fördert das Atelierhaus Aachen die künstlerische Entwicklung durch fachkundige Begleitung und Förderung durch Geschäftsführung, externe Kunstexperten, sowie die Möglichkeit zur Vernetzung und Austausch mit Künstlerkollegen und Gastkünstlern.

Hilft Ihnen Ihre künstlerische Vergangenheit dabei, den KünstlerInnen auf Augenhöhe und nicht nur als Bürokratin gegenüberzustehen?

Neue Wege beschreiten, innovative Impulse setzen und Konzepte entwickeln, die Begegnung mit Künstlern und Kunst – das ist, was mich besonders interessiert. Mein Tätigkeitsfeld als Geschäftsführerin ist umfangreich und vielfältig, Organisation ist ein Aufgabenbereich von vielen. Als ‚Bürokratin’ habe ich mich dabei nie verstanden, dazu übe ich meine Tätigkeit mit zu viel Leidenschaft aus. Sich mit Offenheit und Interesse zu begegnen, ist für mich selbstverständlich. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit, dem Engagement und dem Ideenreichtum der Künstler. Es ist für Kunstschaffende nicht einfach, sich auf dem breit aufgestellten Kunstmarkt zu positionieren und zu behaupten, beziehungsweise von Kunst leben zu können, auch wenn dies ein maßgebliches Ziel ist. Entsprechend ist mir ein Anliegen, Künstler in ihrer Arbeit und Entwicklung zu unterstützen. Meine im Rahmen des Studiums der Kunstgeschichte und langjährigen beruflichen Tätigkeit erlangten Kenntnisse und Kompetenzen in Kunst gebe ich gerne weiter.

Vermissen Sie es, selbst kreativ zu arbeiten?

Ich bin mit Kunst groß geworden und war immer fasziniert von Kunst. Ich war bildnerisch tätig und bin es heute noch, beispielsweise fotografiere ich. In meinem beruflichen Werdegang habe ich erkannt, dass die Begegnung und Auseinandersetzung mit Kunst, nicht das Schaffen, das Meine ist. Meine Tätigkeit als Geschäftsführerin des Atelierhauses bietet mir viel Raum für Kreativität in der Konzipierung und Gestaltung künstlerischer Projekte und innovativer Formate. Dies ist für mich spannend und erfüllend. Kreative Arbeit ist insbesondere auch ein intellektueller Prozess, die bildnerische Formgebung eine mögliche Ausdrucksweise. Ich habe große Freude daran, gute Kunst zu sehen und zu entdecken, ich muss diese nicht selbst schaffen.

Als vor 25 Jahren das Ludwig-Forum an der Jülicher Straße eröffnet wurde, wurde dem Aachener Norden eine kulturelle Blüte prophezeit. Glauben Sie, dass es nun endlich so weit sein könnte?

Aachen-Nord ist ein lebendiger Stadtteil mit engagierten Bürgern, zahlreichen Initiativen und Kulturen. Die Industriegeschichte des Viertels ist präsent in Bauten und umgestalteten Arealen. In den letzten Jahren hat sich hier eine spannende Szene aus Kultur und Kreativwirtschaft entwickelt, lokalisiert in ehemaligen Fabriken und historischen Bauten. Diese Vielfalt macht das Besondere des Stadtteils aus, und die Verknüpfung gewachsener Strukturen mit neuen, kulturellen Initiativen ist interessant. Die entstehende Kreativszene ist Teil der Entwicklung des Quartiers zu einem aufstrebenden Viertel. Mit Eröffnung des DEPOTs Anfang des Jahres als neuem Stadtteilzentrum mit Einrichtungen aus dem Kreativ- und Sozialbereich entsteht ein Ort mit großem Potenzial. Das Atelierhaus ist von Beginn an Teil dieses spannenden Prozesses.

Wie die Handwerksakademie Gut Rosenberg (siehe Aquis Casa Heft 9) ist auch das Atelierhaus in der Region nicht in dem Maße bekannt, wie es beiden eigentlich zustehen müsste. Wie kann man dies Ihrer Meinung nach ändern?

Das sehe ich anders. Das Atelierhaus ist heute überregional, auch über die Grenzen, ein Begriff und steht wie Gut Rosenberg für anspruchsvolle Inhalte und Professionalität. Gleichzeitig bin ich Ihrer Meinung, dass es erstrebenswert ist, ein noch größeres, auch kunstfernes Publikum zu erreichen und noch deutlicher als bedeutendes Kunstzentrum Aachens in Erscheinung zu treten. Berichte in interessanten Kulturmagazinen wie diesem sind ein wertvoller Beitrag, nähere Einblicke in die Arbeit der Institutionen zu erhalten, Interesse zu wecken und den Bekanntheitsgrad zu steigern. Auch wenn ich Gut Rosenberg kenne, nehme ich Ihren Artikel zum Anlass, das Haus demnächst nochmals zu besuchen. Es bleibt eine Herausforderung, mit begrenztem Werbe-Etat ein großes Publikum jenseits der Kunstszene zu erreichen. Entsprechend erfreulich ist, dass regelmäßig über unsere Ausstellungen in der Aachener Presse und den Kulturmagazinen berichtet wird.

Vermissen Sie am neuen Standort in der Talstraße etwas aus dem „Klosterleben“ an der Süsterfeldstraße?

Das DEPOT ist ein spannender, exponierter Ort, wir haben hier eine ganz andere Präsenz. Der Bau des ehemaligen Straßenbahndepots hat eine besondere Atmosphäre. Es ist gelungen, den industriellen Charakter im Rahmen des Umbaus zu erhalten. Industriebauten sind spannende Orte für Kultur, und wir freuen uns, in diesem Kontext arbeiten zu können. Der ehemalige Klosterkomplex Zum Guten Hirten, in dem der Verein 20 Jahre lokalisiert war, hatte etwas beschaulich Idyllisches, einschließlich der umgebenden Natur. Der Standort Süsterfeld war jedoch abgelegen und der Gebäudekomplex zum Teil sehr baufällig. Der sanierte Bau hier bietet ein ganz anderes Raumniveau. Unser 160 Quadratmeter großer Ausstellungssaal ist großzügig und licht und hat durch die hohe Decke des Betontonnengewölbes mit Oberlicht etwas von einer Aula – ein besonderer Raum! Die Lage und die Verknüpfung mit dem Stadtteilzentrum machen sich in deutlich gestiegenen Besucherzahlen bemerkbar.

Welche Wünsche hätten Sie an Ihrem neuen Standort noch gern erfüllt – oder sind Sie diesbezüglich schon wunschlos glücklich?

Die Ausstattung der Räumlichkeiten im DEPOT und der Einzug der Mieter sind weitestgehend abgeschlossen. Verein und Künstler haben viel investiert in Ausstattung und Gestaltung unserer Räume. Nach einer Phase der Umstellung und Eingewöhnung sind wir angekommen und fühlen uns hier wohl. Wünschenswert für diesen Standort ist, dass es gelingt, deutlich nach außen sichtbar zu machen, welch lebendiges, vielfältiges Angebot im DEPOT besteht. Kunst am Bau kann eine Möglichkeit sein, auf das DEPOT als sozio-kulturelles Zentrum aufmerksam zu machen. Die geplante Eröffnung einer Gastronomie an der Piazza bietet allen Gästen des Hauses einen Ort der Begegnung und des Austausches. Für 2019 ist von der Stadt Aachen eine Umgestaltung der Talstraße geplant, durch die auch das Umfeld attraktiver wird und zum Besuch und Verweilen einlädt.

Haben Sie nach 10 Jahren als Geschäftsführerin des aha einen Ratschlag, den Sie allen jungen KünsterInnen mit auf den Weg geben möchten?

Mich fasziniert Kunst, die etwas ‚Eigenes’ hat – Kunst, die ein Statement setzt. Sich als Künstler bewusst werden, worin das ‚Eigene’ liegt, ist Herausforderung und zugleich Voraussetzung für überzeugende Kunst. Interessante Kunst entsteht aus einer interessanten Idee und manifestiert sich in der adäquaten Ausdrucksform. Wichtiger Teil dieses Prozesses ist die Auseinandersetzung mit anderen künstlerischen Positionen, mit Kollegen, Ausstellungen, Kunstexperten et cetera. Nur so kann ein Abgleich und Korrektiv stattfinden, welches die eigene Arbeit voranbringt. Ist dies gegeben, fällt es leichter, mit Konsequenz und Beharrlichkeit die richtigen Personen, Orte und Kontexte für die eigene Kunst zu finden. Gibt es innerhalb des sehr großen Spektrums an Kunstrichtungen im Atelierhaus eine, der Sie persönlich besonders zugeneigt sind?

Im Atelierhaus gibt es viel interessante Kunst unterschiedlichster Sparten. Mich faszinieren insbesondere Arbeiten, die etwas Experimentelles haben, die Inhalte oder Materialien in neue Kontexte setzen und dadurch überraschen. Sehgewohnheiten hinterfragen und aufbrechen, spielerisch-ironische Aspekte – dies sind Konzepte, die mich begeistern. Dies finde ich hier in Plastik ebenso wie in Malerei, neuen Medien oder Installationen. Arbeiten, die mit dem Raum oder dem Betrachter interagieren, reizen mich ebenfalls. Entsprechend verfolge ich mit Interesse, wenn Künstler neue Wege beschreiten und auch experimentell und nicht vorrangig zielgerichtet arbeiten.

Wo sehen Sie das aha in 10 Jahren?

Ziel ist, das Atelierhaus weiter auszubilden, als Marke für interessante Kunst und innovative Konzepte und Ausstellungen. Ein großes Engagement seitens des Vereinsvorstandes, der Mitarbeiter und Künstlerschaft bringt dies voran. Als Geschäftsführerin liegt mein Fokus in der Entwicklung einer Plattform für junge Positionen der Euregio Maas-Rhein. Von Beginn an habe ich den Austausch und die Zusammenarbeit mit Kulturakteuren der Euregio gesucht und ein Netzwerk langjähriger Kooperationen mit Partnern der Niederlande und Belgiens aufgebaut. Hieraus entstehen spannende Impulse grenzüberschreitender Formate. Geplant ist unter vielem Anderen ein Artist-Residency-Programm mit Gastkünstlern aus der Euregio, die für einen bestimmten Zeitraum in unserem Gastatelier arbeiten und ihr Werk anschließend in einer Ausstellung präsentieren können. Auch ein Ausbau der Kooperationen mit Kunsthäusern Aachens und der Region ist vorgesehen. Es ist also Vieles auf dem Weg, und die Resonanz und die Wertschätzung, die wir seitens unseres Publikums, der Stadt Aachen sowie Land und EU erfahren –auch in der Förderung unserer Projekte- ist eine wunderbare Anerkennung und Bestätigung unserer Arbeit. Das Atelierhaus wird sich in den kommenden Jahren zu einem Hotspot junger Kunst entwickeln mit überregionaler Strahlkraft.

Frau Bascha, wir bedanken uns für das aufschlussreiche Gespräch und den interessanten Rundgang.

Sehr gerne! Ich danke Ihnen herzlich für ihr Interesse, den sympathischen Besuch und diesen Bericht in der Aquis Casa.

Text: Rainer Güntermann
Fotos: Stadt Aachen | Peter Hinschläger | Marcello Vercio | ASEAG