DIE TALBOTHÖFE

Sozialer Wohnungsbau – ein Reizwort, welches man mit heruntergekommenen Plattenbauten aus den 1960er und 1970er Jahren verbindet. Verdichtete Bauweise, unnutzbares Abstandsgrün und wenig Wohnqualität. Restaurierte Altbauten aus der Jahrhundertwende bis zu den 1920er Jahren jedoch wecken Assoziationen an vornehme und entsprechend hochpreisige Wohnungen, an sogenannte 1A-Lagen und ein dementsprechendes Umfeld. Im Aachener Norden wird gerade ein Projekt fertiggestellt, das einen lehrt, umzudenken.

 

Bereits vor über drei Jahren haben wir in der zweiten Ausgabe der AQUIS CASA über die Umnutzung der ehemaligen Talbot-Fabrikantenvilla an der Jülicher Straße in Aachen berichtet. Schräg gegenüber sind nun die Arbeiten an der vormaligen Siedlung für die Talbot-Fabrikarbeiter in der Endphase angekommen. Im Jahr 1860 war die Produktion der 1838 von Johann Hugo Jacob Talbot und dem Brüsseler Kutschenfabrikanten Pierre Pauwls gegründeten Personen- und Güterwagenfabrik an die Jülicher Straße verlegt worden. Dort verfügte man über einen notwendigen Gleisanschluss und genügend Areal für eine weitere Ausdehnung. Durch Firmenzukäufe und die Entwicklung des „Selbstentladers“ mit weltweiter Vermarktung wuchs die Belegschaft stetig. Waren es 1900 noch 400 Mitarbeiter, stieg ihre Zahl in den 1920er Jahren auf das Dreifache. Das erforderte aber auch entsprechenden Wohnraum. Die damals bei Großunternehmen noch selbstverständliche Mitverantwortung für eine firmennahe Unterkunft in werkseigenen Wohnungssiedlungen mit Freiflächen zur Erholung veranlasste auch die Familie Talbot, ein entsprechendes Areal auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu kaufen, um dort ab 1922 eine Arbeitersiedlung zu errichten. Anders als vielleicht bei Bergarbeitersiedlungen aus dieser Zeit, deren Fassaden oft aus Ziegelsteinen bestand, legte man hier Wert auf ein „gehobenes“ Äußeres mit zeittypischen Stuckverzierungen und handwerklich aufwendigen Türarbeiten. Mag man diese Art des Vorläufers eines sozialen Wohnungsbaus auch mit dem Begriff soziale Kontrolle des Arbeitgebers über seine Angestellten negativ besetzen –schließlich verlor man mit dem Arbeitsplatz auch seine Wohnung- , so überwogen doch die Vorteile für die Arbeiter: Direkte Anbindung an den Arbeitsplatz, Grünanlagen mit ausreichend Licht und Luft, gemeinschaftliches Leben auch außerhalb des Arbeitsplatzes und somit der damals noch unbekannte Begriff des Wohlfühlcharakters.

 

große Gemeinschaftsflächen zum Spielen, Treffen und Relaxen

Nach heutigem Verständnis kann man noch hinzufügen, dass eine geringe Entfernung zum Arbeitsplatz auch eine tägliche Zeitersparnis bedeutet, die wiederum der Freizeit und somit der Erholung zugute kommt, ganz abgesehen von jeglicher Energieeinsparung. Nun sind aus diesen alten Werkswohnungen sehr moderne, größtenteils barrierefreie Behausungen geworden, deren Hauptausrichtung trotz der originalgetreu restaurierten Fassaden jedoch nicht mehr die Jülicher Straße ist, sondern durch moderne Anbauten mit raumhohen Fenstern und Türen die südlich ausgerichtete, ehemalige Hof- und jetzt Gartenseite. Zu den hier entstandenen Freiflächen mit kleinen Privatgärten und großen Gemeinschaftsflächen zum Spielen, Treffen und Relaxen orientieren sich alle Wohnungen, die nun modernstem Standard entsprechen. Im Gegensatz zu früher sind aber auch jetzt die ehemaligen Rückfronten gleich der Fassade verputzt und geschlämmt, die Anbauten markant farblich abgesetzt. Hinter die straßenseitig geschlossenen Altbausubstanz wurden in einigem Abstand vier Blockhäuser gebaut, wodurch die Anzahl der Mietwohnungen von 67 auf 104 erhöht werden konnte. Der Anteil an Wohnungen für Besitzer eines Wohnberechtigungsscheins beträgt in den Altbauten nahezu 75 Prozent, in den Neubauten immerhin noch die Hälfte. Eine gemeinsame Tiefgarage für die gesamte Talbotsiedlung verbindet unterirdisch die einzelnen Bauteile.

Die Durchmischung der Bewohner ist auch das spannende und durchaus herausfordernde an dem Bebauungskonzept für den Aachener Norden. Mit der Inbetriebnahme eines eigenen Blockheizkraftwerkes für die gesamte Wohnanlage will die gemeinnützige Wohnungsbau-Gesellschaft Gewoge Aachen als Auftraggeber und Betreiber auch energietechnisch den Weg in die nachhaltige Zukunft weisen. Auf diese Weise schließt sich auch der Kreis zum ehemaligen Talbot-Werksgelände auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort entstand nach Schließung der Fabrik durch den Nachfolger Bombardier im Jahre 2013 und einem heftigen, von der Aachener Bevölkerung mitgetragenen Arbeitskampf, die neue Firma Talbot Services GmbH. Diese setzt mit der Produktion des Streetscooter nicht nur deutschlandweit Maßstäbe. Heute wird hier das Elektromobil im Auftrag der Deutschen Post, welche die Lizenz gekauft hat, gebaut. Ein größeres Nachfolgemodell ist derzeit in Planung und wird das Thema Nachhaltigkeit in Verbindung mit dem Namen der Stadt Aachen weiter in das Bewusstsein rücken. Auch die in zurückliegenden Ausgaben der AQUIS CASA beschriebene Umnutzung des ehemaligen Straßenbahndepots Talstraße und die Gründung des Digital Hub in der einstigen Elisabethkirche sind Mosaiksteine in der Neuerfindung und zukunftsorientierten Ausrichtung des Aachener Nordens nach all den Jahren seiner Vernachlässigung.

TEXT: Rainer Güntermann
FOTOS: Rainer Güntermann

DAS NEUE BAD -Fitnessstart in den Morgen Wellnessausklang am Abend-

Nasszelle – dieses Wort hat scheinbar immer noch nicht ausgedient, betrachtet man den Großteil der heutigen Badezimmer. Und damit meine ich nicht nur jene, oft diversen Zwängen ausgesetzten, Mietwohnungsbäder. Auch in Privathäusern oder Eigentumswohnungen steht die umgesetzte Realität oft in krassem Missverhältnis zu möglichen Alternativen. Vielleicht scheitern aber auch viele Eigentümer eben an dieser immensen Auswahl und wählen die einfache und stilsichere Boden-in-grau und Wand-in-weiß – Lösung. Aber nur Mut – wir geleiten Sie in dieser und den nächsten Ausgaben sicher durch den Auswahl-Dschungel. Zu Anfang ein paar Grundüberlegungen.

 

Beginnen wir mit dem Boden. In Zeiten von Silikon und Hightech-Oberflächen braucht niemand mehr Angst vor Nässe zu haben, von Rutschgefahr einmal abgesehen. Steinzeugdielen mit täuschend echter Holzoptik, sei es rustikal mit Astlöchern oder clean wie Parkett, schaffen direkt eine wohnlichere Atmosphäre, lassen den Übergang in den Nassbereich nicht so abrupt erscheinen und sind –sofern die Fugengestaltung nicht alles wieder zunichte und lächerlich macht- durchaus stilistisch erlaubt. Jedoch sollte man sich hüten vor jedweden Platten-Lösungen, auf denen schon einzelne Elemente zusammengefügt und nur die Fugen zwischen diesen Platten real sind, jene innerhalb der Platte aber nur angedeutet. Ein Parkett aus Steinzeugfliesen sollte wie das Original aus Holz ebenfalls nur aus einzelnen Elementen bestehen, die zu einer Gesamtoptik zusammengefügt werden. Bei entsprechend ausgerüstetem Untergrund kann dann auch auf breite Zementfugen verzichtet und alles dicht an dicht verlegt werden. Aber warum sollte man auf Echtholz im Bad verzichten? Schließlich sind auch im Bootsbau die Außendecks oft genug aus Holz gefertigt. Fachmännisch verklebt und versiegelt trotzen sie Wind und Wetter, selbst dem aggressiven Salzwasser. Wenn man auf Nummer doppelt sicher gehen will, kann man auf ein Echtholzparkett im Bad bei entsprechender Raumgröße auch wasserdichte „Inseln“ legen. Eine zumindest dreiseitig freistehende Wanne kann zum Beispiel auf einer Cortenstahl-Platte platziert werden, einem vorgerosteten, aber imprägnierten Material mit wunderbarer Patina. Der Kontrast wird um so größer, je kleinteiliger, ja auch verspielter das darunterliegende Parkett ist. Eine solche Lösung verlangt aber nach frühzeitiger Planung bezüglich Plattengröße, Transport und gegebenenfalls notwendigen Lochbohrungen für Leitungen. Eine perfekte Inszenierung wäre dann die Weiterführung des Plattenmaterials, in dem es in diesem Bereich auch an der Wand hochgezogen wird.

Apropos Versiegelung: Dem ohnehin feuchteren Raumklima der Badezimmer sollte man möglichst viele unversiegelte Flächen entgegenstellen. Weder komplett wanddeckende noch raumhohe Kachelungen oder auch nur Lackierungen sind spritztechnisch notwendig oder optisch reizvoll. Besser sind Fliesen-, Glas- oder Lackspiegel im Umfeld der jeweiligen Sanitärobjekte mit sinnvoller Ausdehnung nach oben und zu beiden Seiten, ähnlich den klassischen Kachelspiegeln hinter der Küchenarbeitsplatte mit Herdplatten und Spüle. Dadurch können gezielt Glanzpunkte gesetzt werden – im wahren Wortsinn. Durch diesen akzentuierten Einsatz verkleinert sich die versiegelte und erhöht sich der Anteil der atmungsaktiven Fläche. Diese Akzentuierung erlaubt dann auch expressivere Materialien, Oberflächen und Farben, fordert diese förmlich ein. Dabei sollte man sich nur nicht von aktuellen Modefarben verleiten lassen. Auch das sogenannte Alibi-Rot ist brandgefährlich. Auf Dauer sind diese Farben genauso wenig von Dauer wie die Mode selbst. Aber: Eine Wand, ein Pfeiler oder eine Decke sind schnell neu gestrichen, eine gekachelte oder geflieste Wand erfordert einen ungleich höheren Aufwand bei einer gewünschten Farbänderung. Also doch besser Wand-in-weiß? Nein! Welche unverzichtbaren Accessoires finden Einzug in das neue Bad? Welche Lieblings-Textilien kommen zum Einsatz? Welche Leuchten sind schon vorhanden oder bereits ausgewählt? Gibt es Bilder oder Ähnliches? Aus all diesen Komponenten ergibt sich oft automatisch eine Farbskala, die es nur zu komplettieren oder zu komplementieren gilt. Und keine Angst vor dunklen Flächen. Gerade dunkle Farben wirken umso mehr, je kleiner die Räume sind, da sie ihm den Charakter eines wertvollen Schmuckkabinetts geben. Da Bäder naturgegeben die bestausgeleuchteten Räume der Wohnung sind oder zumindest sein sollten, ist daher auch bei schwarzen Kacheln genug Licht vorhanden.

Wie in Wohnräumen sollte man aber auch im Bad nach der Maxime handeln, nicht zu viel unterschiedliche Materialien zu verarbeiten, nicht mehr als zwei verschiedene Breiten und Höhen markant gestalteter Felder zu planen, nicht zu viele Versprünge in der Wand- oder Deckenoberfläche zuzulassen. Trockenbauer sind Meister im Verkleiden von störenden Leitungen und dergleichen. Aber oft sind Aufdickungen durch Übereinanderlegen von Platten sinnvoll, um durchgehende Oberflächen zu erhalten anstelle eines Gipsreliefs. Hat man auf diese Weise Wandfelder erhalten, die vielleicht durch ihren Rücksprung nach Akzentuierung rufen, sind auch kleinteilige Mosaike eine sinnvolle und ansprechende Lösung. Durch die Kleinteiligkeit der Steinchen erhält das Feld auch eine optische Weite. Es gibt diese Mosaike aus Keramik in matt oder glänzend, aber auch aus Glas, zuweilen mit eingeschmolzenem Blattgold beziehungsweise Schlagmessing oder Goldstäbchen wie bei Bergkristallen mit rotilen Einschlüssen. Damit lassen sich verschiedenste optische Stimmungen erreichen. Eine interessante und wahrlich individuelle Lösung wird inzwischen von verschiedenen Firmen angeboten: Nach einem selbst ausgewählten Foto wird per Computer ein Mosaik nach Wunschmaß errechnet, auf einzelne Kachelplättchen gedruckt und exakt ausgerichtet auf ein Netz geklebt, welches dann an Ort und Stelle auf die Wandfläche aufgebracht und verfugt wird. Der Motivauswahl sind nicht nur in diesem Zusammenhang keinerlei Grenzen gesetzt.

Bei Wanne oder Dusche scheiden sich die Geister

Viele Sanitärobjekte-Hersteller nehmen den bei den Küchenherstellern schon seit Langem im Trend liegenden Einsatz von Modulsystemen auf. Das heißt, nicht mehr nur WC, Waschtisch und Wanne gehören zu einer Designlinie, sondern ganze Badmöbel. Die früher „nackt“ hängenden Waschbecken oder mit Wandkacheln kaschierten Badewannen werden in eine einheitliche Hülle integriert, aber durch ihre separate Platzierung zu Möbel-Solitären. Dazu passende Schränke –oft auch zum Hängen- komplettieren den Wohncharakter. Die oft klinisch-glatte Haptik mit ihren glänzenden Oberflächen kann aber auch zuweilen den berühmten Bruch vertragen, der aber einen geübten Umgang damit voraussetzt. Wie in der textilen Mode bricht ein kleines Accessoire in Material, Farbe oder Stil die bestehende Uniformität auf, bringt eine gewisse Spannung in die bisher eventuell langweilige Atmosphäre und sorgt gegebenenfalls auch für eine lockere Heiterkeit. Dies alles aber jenseits irgendwelcher schlüpfrigen Assoziationen.

Beim Thema Dusche oder Wanne scheiden sich bekanntlich die Geister. Es gibt bekennende Bader, es gibt eingefleischte Duscher. Lässt man einmal den ökologischen Aspekt außer Acht, ist ein entspannendes und entspanntes Wannenbad durch Nichts zu ersetzen. Daher wird dieses kleine Homespa auch vornehmlich abends genutzt. Die gemütliche Wanne ist auch gar nicht bestrebt, der schnellen Morgendusche Paroli zu bieten. Selbst wenn sie seltener benutzt wird, so stellt sie als größtes Badmöbel dennoch das Glanzstück des Raumes dar. Entsprechend gebührend sollte sie auch platziert werden. Die schönsten Modelle haben aber genau aus diesem Grund leider meistens keine Ablage. Die ist jedoch notwendig, um bei einem entspannenden Bad die Möglichkeit zu haben, Buch, Brille, Wasserglas, gegebenenfalls Handy, vielleicht Kerzen und, nicht zu vergessen, Pflegeartikel in Griffnähe zu haben. Nur dann wird das Wannenbad zu einem Wellnessaufenthalt. Natürlich kann diese Funktion auch ein klassischer Beistelltisch übernehmen. Bei der Dusche geht der Trend immer mehr in Richtung einer offenen Lösung ohne Tür, geschweige denn Vorhang, denn selbst eine kleine, aber offene Duschecke kann oft mehr Bewegungsfreiheit bieten, als eine größere, geschlossene Kabine. Darüber hinaus entfällt der unangenehme Moment des Türöffnens, wo man meint, in einen Großraumkühlschrank zu treten.

In diesem Raum beginnt der Tag. Und endet dort auch.

Auch für Shampoo- oder Seifenreste beliebte Scharniere, Anschlussschienen oder Dichtungslappen entfallen. Selbst für einen nachträglichen Einbau werden spezi­elle Duschtassen in verschiedensten Variationen für die offene Lösung angeboten. Verzichtet man auf die ohnehin pflegeintensivere Glasabtrennung und setzt stattdessen, zumindest bis in eine entsprechende Höhe, eine schmale Ständerwand, können in dieser auch Wasser- und Elektroleitungen für beiderseitige Anschlüsse untergebracht werden, ohne aufwändige Stemmarbeiten in den Raumwänden ausführen zu müssen. Dies ermöglicht eine völlige Neustrukturierung und Platzoptimierung des Bades.

Wird die Annehmlichkeit einer gemütlichen Badewanne oft unterschätzt, so sollten aber alle anderen Badezimmer-Posten einer gemeinsamen Nutzungs-Überprüfung unterzogen werden. Ist das zweite Waschbecken notwendig, oder ist jeweils nur eine Person „beschäftigt“? Wird ein Bidet ausreichend genutzt? Ist man der All-in-one-Typ, oder verlagert man das WC in einen extra Raum? Möchte man aufgrund der Haushaltsgröße vielleicht beides? Ist aufgrund der Haushaltszusammensetzung eventuell ein Deckelurinal sinnvoll? Welche Artikel möchte ich unbedingt im Bad untergebracht haben und in welcher Größenordnung? Manchmal entstehen aufgrund eines solchen Check-ups ganz neue Perspektiven bezüglich der grundsätzlichen Badausstattung.

Wie auch immer ihr Bad zusammengesetzt ist oder sein wird, es ist zu bedenken, dass in diesem Raum unser Tag beginnt und auch endet. Daher hat sein Erscheinungsbild tagtäglich einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Gemütslage. Nach einer unruhig verlaufenen Nacht kann der morgendliche Schritt in ein einladendes Bad-Ambiente die Laune heben und zumindest die Voraussetzung für einen guten Tag schaffen. Ist dieser dennoch suboptimal verlaufen, bietet uns ein behagliches Bad am Abend die Möglichkeit, all dies hinter uns zu lassen und unseren Körper und Geist in wohltuender Atmosphäre zu verwöhnen. Behandeln wir also die ehemalige Nasszelle mit dem ihr gebührenden Respekt und verwandeln sie in eine Wohlfühloase von morgens bis abends.

 

 

 

 

 

 

 

 

TEXT: Rainer Güntermann

FOTOS: Bette GmbH & Co. KG | hansgrohe | www.hansgrohe.de | Bukoll | Sabine Jakobs | Dornbracht | www.dornbracht.com |  JASBA | www.jasba.de |  Geberit | www.geberit.de | Villeroy & Boch |

FEUER IM GARTEN

 

Spätestens seit dem diesjährigen tropischen Sommer, wo man am liebsten selbst das Schlafzimmer nach draußen ausgelagert hätte, wird uns klar, dass durch den Klimawandel auch in unseren Breiten das Leben zunehmend nach draußen verlagert werden wird. Was einmal mit einem kleinen Esstisch und Stühlen begann, wurde mit ganzen Sitzlandschaften und neuerdings auch Outdoor-Küchenzeilen erweitert. Was spricht also dagegen, auch das Ritual des Beisammenseins am Kamin um eine Freiluft-Variante zu ergänzen?
TEXT: Rainer Güntermann

Offenes Feuer – zwei Wörter reichen aus, um bei den meisten Menschen einen Urinstinkt zu wecken. Beim Gedanken an kontrolliert loderndes Feuer bekommen wir bereits leuchtende Augen. Das Versammeln um flackernde Flammen ist gleichsam archaisch, spannend und behaglich, der Blick in die knisternde Glut lässt uns gedankenverloren träumen. Die offene Feuerstelle übt eine magische Anziehungskraft aus, sie lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich und sorgt mit Licht und Wärme gleichzeitig für pure Atmosphäre. Und geschieht dies alles unter freiem Himmel, ist die Wirkung umso größer. Die einfachsten Lösungen für einen neuen Blick- und Treffpunkt im Garten sind mobile Feuerstellen. Dies können Feuerschalen, -körbe, -säulen oder kleine Kamine sein. Ihr großer Vorteil liegt in der großen Flexibilität des Standortes, dem relativ geringen Platzbedarf und nicht zuletzt im zumeist genehmigungsfreien Betrieb. Dennoch sollte man auf Windrichtung und ausreichenden Grenzabstand achten. In jedem Falle sollte man mögliche Standorte, die je nach Jahres- und Tageszeit variieren können, gewissenhaft auswählen und vorsorglich präparieren. Denn unabdingbar ist neben einer ebenen Standfläche auch ein Kiesbett oder eine sonstige steinerne Unterlage, um infolge der Hitzeentwicklung keine Schäden am Rasen oder den Terrassendielen zu riskieren.

Ebenso wichtig ist die ausreichende Entfernung von Bepflanzungen, Hauswänden oder Bedachungen. Um trotz eines windgeschützten Stellplatzes übermäßige Rauchentwicklungen zu vermeiden, ist es angeraten, auf harzreiche Nadelhölzer zu verzichten. Lediglich zum Anzünden eignen sich einige kleine Weichholzscheite oder Reisig. Chemische Anzündhilfen sind ebenso tabu wie das Abbrennen von Reisig, Laub oder gar lackiertem Altholz. Und: Wie beim Weihnachtsbaum mit echten Kerzen gehört der Eimer Wasser in Griffnähe selbstverständlich zur Grundausstattung. Anstelle von scheitholzbetriebenen Modellen gibt es auch eine Vielzahl von mobilen Feuergefäßen, die mit Propangas oder Bioethanol arbeiten. Dem Verlust von prasselndem Geräusch und würzigem Geruch eines natürlichen Feuers stehen als Vorteile das Fehlen von lästiger Asche und sprühenden Funken, sowie das bequeme An- und Ausschalten – auch per App – gegenüber. Bei geringem Platzangebot, weniger Wärmebedarf und vor allem kontrolliert-inszeniertem Flammenwunsch sind diese Modelle eindeutig die bessere Wahl.
Weitaus größere Anforderungen stellen fest installierte Feuerstellen. Ihr Standort ist verbindlich, muss also sehr sorgsam bedacht sein. Abgesehen von der Tatsache, dass nunmehr eine behördliche Genehmigung mit bestimmten Maßgaben fast unumgänglich ist, spielt auch die vorhandene Vegetation eine wichtige Rolle. Wo im Garten möchte ich am Feuer sitzen? Auf welchen Hintergrund möchte ich schauen? Wie ist dort der vorherrschende Windeinfall? Wie ist dort der Abstand zu Bäumen?

Danach erst geht es an die Planung der Feuerstelle als solche. Der Klassiker ist nach wie vor die runde Variante. Beginnend mit einer Feuerschale aus Cortenstahl, die in eine etwas größere, mit Kies ausgekleidete Mulde bis auf Rasenniveau eingelassen wird. Ein umlaufender Kiesstreifen zwischen Schalenrand und Grün dient gleichzeitig als Brandschutz und optisch reizvolle Einfassung. Möchte man grillen, reicht ein Dreibein mit Schwenkrost, das über die Feuerschale positioniert wird. Gemauerte, in der äußeren Form an Brunnen erinnernde Feuerstellen, in die ein Eisenkorb eingehängt werden kann, können mit entsprechendem Rundrost ebenfalls bequem als Grill genutzt werden. Ein umlaufendes Mauerhalbrund erfüllt gleichzeitig die Funktion eines Windschutzes für den Grill und einer Sitzbank. Überhaupt ist es ratsam, die weitere Garten- oder Terrassengestaltung von der optischen Gestaltung und Materialbeschaffenheit der Feuerstelle abzuleiten. Ein Feuertisch, der in das Raster des Steinpflasters passt, erspart unnötige Schnitte, Fugen und Stückelungen. Kommt für beide das gleiche Material zum Einsatz, sorgt dies für Ruhe und Harmonie. Kontrastieren rauer Cortenstahl und polierter Naturstein nebeneinander, entsteht eine optisch reizvolle Spannung. Wird Edelstahl im Freien verwendet, muss man sich hinsichtlich Feinstaub, Flugrost und sonstigen Witterungseinflüssen einer intensiven Pflege bewusst sein, um den typischen Charakter dieses Materials zu bewahren. Für alle fest installierten offenen Feuerstellen sollte man eine Abdeckung vorsehen, die verhindert, dass sie mit Regenwasser volllaufen und verrotten. Ist diese eben und stabil ausgeführt, bestenfalls auch noch aus dem gleichen Material, kann man bei einem in den Boden eingelassenen Modell die Fläche gefahrlos begehen oder anderweitig nutzen, bei einer eingelassenen Tischfeuerstelle diesen in vollem Umfang zum Abstellen nutzen. Auch bei größeren Feuersäulen oder Kaminen mit Rauchabzugsrohr sollte dieses gegen Regenwasser mit einer festen Abdeckung geschützt sein.

Besteht vom Platzangebot die Möglichkeit, ein regelrechtes Freiluft-Kaminzimmer anzulegen, hat man die Chance, dem Garten eine architektonische Krone aufzusetzen. Eine Kaminwand, die einen Sicht- oder Windschutz bildet, die in Material- oder Farbwahl ein Ausrufungszeichen setzt, deren Feuerkammer klassisch mit Scheitholz bestückt oder mit einer Gaszuleitung vom Haus direkt versorgt wird – hier kann sich Kreativität voll entfalten. Jede zusätzliche Technik kann in diese Wand unsichtbar integriert werden. Ein Holzlager, eine Sitzbank, vielleicht notwendige Stufen oder gar eine Outdoor-Küchenzeile können sich mit ihr zu einer veritablen Skulptur vereinen. Auch als mögliche Trennwand mit beidseitig zugänglicher Feuerstelle zwischen Esstisch und gemütlicher Lounge-Sitzgruppe kann sie maßgeblich zu einer gelungenen Garten- und Terrassenstruktur beitragen. Ist die Essgruppe etwas tiefer angelegt, ist das Feuer gleichzeitig in Augenhöhe und bietet einen außergewöhnlichen Blickfang. Bei der Verwendung von Bioethanol in Verbindung mit Lavakies lassen sich auch breite Feuerstellen mühelos bestücken. Im Kontrast zur massiven Kaminwand können exakt geschnittene Hecken in entsprechender Höhe den gewünschten Raum weiter umschließen, mit möglichen Lücken für Sichtachsen oder markante Pflanzen. Das Tüpfelchen auf dem i ist jedoch die Hinzufügung eines zweiten Grundelements und gleichzeitig der natürliche Gegenpart zum Feuer: Wasser. Jedoch nicht als unruhiger Springbrunnen, sondern als ruhendes Becken, allenfalls mit einem breitflächigen Zulauf, der gleich dem Feuerschein Ruhe und Entspannung vermittelt.

Von Ruhe und Entspannung sollte auch das Verhältnis zu den Nachbarn geprägt sein. Daher ist es jenseits behördlicher Auflagen auf jeden Fall anzuraten, diese von geplanten offenen Feuerstellen rechtzeitig in Kenntnis zu setzen. Wird dies verbunden mit einer Einladung zum gemeinsamen erstmaligen „Befeuern“, stehen die Chancen gut, dass Ruhe und Entspannung auch weiterhin garantiert sind.

 

Text: Rainer Güntermann
Fotos: FOCUS, Philippe Perdereau | „Feuerstellen“| www.bjvv.de, EcoSmart, PLANIKA, Marianne Majerus | „Feuerstellen“| www.bjvv.de

MUSEUM VIEILLE MONTAGNE KELMIS/LA CALAMINE

Jeder, der schon einmal durch Kelmis gefahren ist, ist an diesem imposanten Gebäude vorbei gekommen, jedoch wahrscheinlich ohne es zu bemerken. Das mag auch an der Tankstelle liegen, die sich in einem direkten Anbau befindet und mit ihrer Reklame eher die Blicke auf sich zieht. Nun jedoch wird sich dies ändern. Das matt schimmernde Dach, die restaurierte Fassade und das nun schmucke kleine Gebäude am anderen Ende deuten auf eine neue Nutzung hin: Das Museum Vieille Montagne. Wenige Tage vor der offiziellen Einweihung hatten wir die Gelegenheit, schon einmal einen Blick in die Räumlichkeiten zu werfen.

Wie so oft fing auch im beschaulichen Kelmis alles schon zur Römerzeit an, jedenfalls wird der Erzabbau schon zu dieser Zeit hier vermutet. Gesichert sind Nachweise aus dem frühen Mittelalter. Seit dem 15. Jahrhundert gab es Handelsbeziehungen zu Nürnberg, aber auch zu Schweden und Lothringen. Angeblich soll die Hälfte der Pariser Dächer mit Zink aus der Kelmiser Hütte Altenberg gedeckt worden sein. Zur Blüte jedoch kam die Gewinnung des Kieselzink­erzes, des sogenannten Galmei, zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Wurde bis 1805 das Mineral nur zur Herstellung von Messing, dem gelben Kupfer, benutzt, wandelte man das abgebaute Erz nun durch die Reduktion mit Kohle in sogenannte Muffelöfen in Zinkmetall um. Von circa 300 Arbeitern um 1800 stieg die Anzahl der Mineure auf über 5000. Das im dortigen Sprachgebrauch Kelms/Kelmes oder eben auch Calamine bezeichnete Mineral wurde am Altenberg, dem Gelände des heutigen Kelmis, abgebaut. Die Ansiedlung hieß Preußisch-Moresnet, zwischen 1816 und 1919 auch Neutral-Moresnet, da es sich um ein mit der Spitze am Dreiländereck beginnendes, Tortenstückähnliches Gelände handelte, über dessen Zugehörigkeit sich wegen des Bodenschatzes die Staaten Preußen und Niederlande, Eigentümer des benachbarten Niederländisch-Moresnet, nicht einigen konnten. Daher war für gut 100 Jahre das Dreiländer- auch ein Vierländereck. Es entstand ein am Reißbrett geradlinig abgegrenzter Ministaat mit annähernder Steuer- und Zollfreiheit, zeitweilig auch mit eigener Briefmarke. Angeblich gab es hier auch die größte Dichte an Ausschankbetrieben, die nicht nur von den ansässigen Bergarbeitern in Anspruch genommen wurden. 1837 gründete der in Brüssel geborene Pariser Bankier Mosselmann die Aktiengesellschaft der Zinkminen- und Giessereien vom alten Berg, kurz VIEILLE MONTAGNE genannt und damit de facto auch die Ortschaft Kelmis, die zunächst nur aus den Minenarbeitern und deren Familien bestand. Die Gesellschaft baute Kirchen, Schulen, die Bahnlinie mit Bahnhof und prägte damit den Ort nachhaltig, nahm aber auch massiv Einfluss auf alles andere Geschehen in Kelmis.


Bis vor einigen Jahren existierte in Kelmis das Göhltal-Museum in einer stolzen Villa am Anfang der Ortschaft (von Aachen aus gesehen). Vielleicht hat der Name etwas irregeführt, denn es ging nicht nur um Flora und Fauna dieses Flusstales, sondern immer auch schon um den ehemaligen Erzabbau durch die Firma Vieille Montagne an dieser Stelle, ohne den es Kelmis gar nicht gäbe. Als sich die Chance ergab, das ehemalige Direktionsgebäude dieser Gesellschaft am anderen Ende von Kelmis zu kaufen, ergriffen beherzte Politiker die Gelegenheit beim Schopf, um an dieser geschichtsträchtigen Stelle das Museum neu und größer zu positionieren. Allen Unkenrufen und umbautypischen Kostensteigerungen zum Trotz eine kluge Entscheidung für die Zukunft. Nun kann man hier die ganze Historie um diesen Bergbau umfassend und nach neuesten Ausstellungskriterien aufbereitet zur Schau stellen. Das Ausstellungskonzept stammt von zwei Aachenerinnen mit Erfahrungen in Ausstellungs-, und Messe- und Möbelbau. Sie haben eine Multimedia-Ausstellungsarchitektur in das eindrucksvolle Innere der 1910 erbauten Firmenzentrale integriert und dabei so viel erhalten, wie möglich war. Selbst die alten, welligen, weil handwerklich hergestellten Fenstergläser konnten an einigen Stellen beibehalten werden. Aufwändige Steinintarsien im alten Terrazzoboden, Originaltüren mit Oberlichtern, Fensterbeschläge und sogar ein Teil der Treppenhaus-Beleuchtung bleiben somit weiterhin sichtbar. In mutigem Kontrast dazu –formal wie farblich- steht die maßgeschneiderte Innenarchitektur der Ausstellung. Auch das Dach wurde wieder in alter Form mit Zinkblechen verkleidet, jedoch vorpatiniert, um nicht zu neu zu glänzen. Ebenso die seitliche „Wetterwand“, hier in typischem Diagonalraster. „Eingang auf der Rückseite“ – so könnte man meinen, wenn man auf der Hauptstraße vergeblich nach dem Zugang sucht. Aber zur Zeit des Erzabbaus verkehrte auf der heutigen Autoachse eine Zuglinie, hauptsächlich zum Abtransport der Bodenschätze. Daher war und ist die eigentliche Hauptfassade des Direktionsgebäudes auf der vermeintlichen Rückseite. Betreten wird das neue Museum heute jedoch auch hier nicht, sondern vom kleinen Anbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, dem ehemaligen Bahnhof der Zuglinie. Hier befinden sich Empfang, Rezeption und Touristeninfo, und von hier aus gelangt man in das eigentliche Hauptgebäude, welches allein der Ausstellung vorbehalten ist. In das Obergeschoss gelangt man über das weitestgehend im Originalzustand erhaltene Treppenhaus mit großen, farbigen Glasfenstern, in allen Regenbogenfarben irisierenden Wandkacheln, schlanken Terrazzostufen und einem handwerklich sehr schön gearbeitetem Eisengeländer in strengem Jugendstil, welches durch die Hinterfütterung mit Panzerglasscheiben auch seinen Holzhandlauf behalten durfte. Ohne nachträglichen Stuck oder sonstiges „Beiarbeiten“ wurden Bögen, Hohlkehlen und Blindpfeiler einfach in ihrer Grundform erhalten und geben einen Eindruck vom ehemaligen Prunk dieses Direktionsgebäudes.

Ein kleines Labor innerhalb des Ausstellungskonzeptes soll auch junge Leute und Schulklassen anlocken, um mit kleinen Experimenten eigenhändig die Mineralverwertung zu erkunden. Gleichzeitig wird auch die oft in ihrer Ausnahmeposition unterschätzte, aber spannende Geschichte von Neutral-Moresnet eingehend erläutert. Ein weiterer Grund also, mal wieder auf die „belgische Seite“ zu fahren – nicht immer nur wegen der ebenso spannenden Gastronomie.

TEXT: Rainer Güntermann
FOTOS: Rainer Güntermann

BODEN REFORM – NEUE OBERFLÄCHE NEUES RAUMGEFÜHL –

Die Zeiten, in denen in der Küche Linoleum, im Bad Fliesen und im Wohnzimmer die ominöse Auslegeware den Boden „zierten“, gehören schon seit Langem der Vergangenheit an. Betonestrich in der Küche und Holzdielen im Bad sind längst zum Standard im Eigenheimbau geworden. Durch immer ausgefallenere und technisch optimierte Oberflächentechniken ist heute beinahe alles möglich. Wir möchten einen kleinen Überblick und neue Anreize geben.
TEXT: Rainer Güntermann

Beginnen wir direkt bei den augenscheinlich kompliziertesten Räumen, nämlich dem Bad und der Gästetoilette. Der obersten Priorität der Pflegeleichtigkeit in den Nachkriegsjahrzehnten folgten die Hygienehysterie und nicht viel später die Silikonwaffe „Abziehpistole“. Alle Ritzen, Fugen, Übergänge, Anschlüsse, die breiter als ein Blatt Papier waren, wurde mit einer Silikonbahn abgezogen. Alles, was scheinbar nicht anders zum Halten gebracht werden konnte, bekam eins mit der Silikonpistole übergezogen. Über diesen Heimwerkerwahn können Fachbetriebe nur die Stirn runzeln – bestenfalls. Inzwischen müssen Duschtassen nicht mehr unbedingt aus einem Stück gegossen sein und mit einem zunächst transparenten oder weißen „Gummiband“ zu allen Anschlussseiten abgedichtet werden. Auch kleinteilige Mosaikvarianten stehen zur Verfügung, geometrisch oder polygonal, farbig oder monochrom, gemustert oder uni. Mit hochwertigen Fugenmaterialien eingeschlämmt erfüllen sie jede Dichtigkeitsanforderung, können einen nahtlosen Übergang vom restlichen Bodelbelag bilden und sind zudem aufgrund des hohen Fugenanteils auch wesentlich rutschhemmender als Kunststoff oder Emaillewannen. Lediglich ein etwas höherer Pflegeaufwand hinsichtlich des Sauberhaltens der Fugen wegen möglicher Kosmetikrückstände ist zu beachten. Die Optik jedoch gewinnt eindeutig gegenüber der Alternative einer Antirutschmatte. Die italienische Firma Bisazza –um nur eine zu nennen- bringt jedes Jahr erneut Mosaikmuster heraus, die den Betrachter immer wieder erstaunen lassen. Per Computerprogramm erstellte Designs werden auf kleinste Kachelplättchen übertragen und lassen aus der Entfernung das Gesamtbild entstehen: Täuschend echtes Krokodil- oder Schlangenleder, alte Kreuzstich-Rosenstickerei, antike Köpfe wie aus der Münchener Glyptothek oder überdimensionierte Stoffgewebe wie Fischgrat.

Seit einigen Jahren hält auch der Baustoff Holz Einzug in die Nassräume. Gemeint sind nicht die zahllosen Feinsteinzeugplatten mit real erscheinenden Holzmaserungen, die sogar in der Dreidimensionalität der Oberfläche das Naturmaterial verblüffend originalgetreu darstellen. Das Holz selbst hat sich dieses Terrain zurückerobert. Die materialeigene Rutschfestigkeit und die von Natur aus antibakterielle Eigenschaft des Holzes bieten eindeutig Vorteile gegenüber glatten Fliesenbelägen. Der Naturwerkstoff kann durch seine Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen und auch wieder abzugeben, das Raumklima generell nachhaltig verbessern. Voraussetzung ist wie so oft die richtige Wahl des Materials, in diesem Fall am besten Eichenholz, dazu eine eigentlich in diesen Räumen selbstverständlich notwendige, regelmäßige Durchlüftung, sowie die Verwendung von nicht zu aggressiven Kosmetika – letzteres nicht nur zum Wohl des Holzes.
In Zeiten immer häufiger auftretender Hausstauballergien geht die Verwendung von Teppichböden immer weiter zurück. Dazu kommt, dass die sehr oft verwendeten Kunstfasern des Trittbelages, aber vor allem die Kunststoffe des Belagrückens immer mehr in Verruf geraten sind, über einen langen Zeitraum schädliche Ausdünstungen zu verursachen. Daher ist bei der Wahl dieses Bodenbelages eine sorgfältige Information über die eingesetzten Materialien und ihre Verarbeitung dringend angeraten. Sind diese unbedenklich, können zum Beispiel mit getufteter Ware –manuell oder maschinell- sehr lebendige Bodenlandschaften entstehen, da durch die je nach vorgegebenem Muster unterschiedlich hoch geschnittenen Fäden ständig wechselnde Licht- und Schattenwürfe entstehen. Ein weiteres Kriterium bei dieser Art von Böden ist die mögliche Pflege beziehungsweise Fleckempfindlichkeit. Bei eher dunklen oder farbintensiven Materialien sollten bei einer sanften, punktuellen Reinigung nicht sofort bleiche Stellen zurückbleiben. Über die natürliche Belichtung eintretendes UV-Licht wiederum wird immer zu Farbveränderungen von freien gegenüber dauerhaft verschatteten Flächen wie zum Beispiel unter Sofas oder Schränken führen. Bei sogenannten lichtechten Fasern vielleicht ein bisschen abgeschwächter, ebenso weniger bei eher hellen Farbtönen.

Ein regelrechtes Comeback erlebt seit einiger Zeit das zu Unrecht als Billigboden deklassierte Linoleum. Aufgrund neuentwickelter Materialzusammensetzungen kann es heute als gesunde Alternative zu den in der Tat billigen und laut immer wiederkehrender Tests als gleichsam toxisch einzustufenden PVC-Böden angesehen werden. Ähnlich wie bei Parkettfußböden können sogar Intarsienmuster verlegt werden, was der Fantasie keinerlei Grenzen mehr setzt. In punkto Pflegeleichtigkeit ist es sowieso kaum zu toppen. Ein geringer Trittschall, eine relative Fußwärme und die geringe Materialhöhe lassen es zu einem Allrounder werden. Wie bei den unzähligen PVC-Varianten gibt es auch auf dem Laminat-Sektor sehr viele Billigmodelle, bei denen nicht nur die Trittschalldämmung zu wünschen übrig lässt, sondern vor allen Dingen die Materialbeschaffenheit. Giftige und lang ausdünstende Bindemittel und Kleber schädigen das Raumklima und die Umwelt, besonders beim Einsatz in Verbindung mit Fußbodenheizungen. Die bessere Wahl sind eindeutig Modelle mit einer natürlichen Decklage aus Echtholz oder Kork. Vor einigen Jahren hat ein bekanner Schuhfabrikant in Zusammenarbeit mit einem Natur-Teppichbodenhersteller eine neue Variante des Laminatbodens herausgebracht. Aus recycelten Lederresten und einem umweltfreundlichen Kleber wurde eine robuste Deckschicht für Click-Laminatdielen mit Korkeinlage entwickelt. Die verschiedenen Prägungen –von Kroko bis Rind- in natürlichen Lederfarben lassen eine außergewöhnliche Optik entstehen. Auch sind sie pflegeleicht und sehr angenehm zum Barfußlaufen. Zu den edelsten Bodenbelägen zählt nach wie vor das Parkett. Zahlreiche Verlegevarianten und Holzsorten, je nach Belastungsanforderungen und optischer Wirkung, lassen den persönlichen Wünschen freien Lauf. Zudem bieten die Möglichkeiten von Holzkombinationen und Intarsien – umlaufend als Bandmuster, zentral als Ornament oder flächendeckend als Trompe-l’oeil – weitere Optionen. Die einzige Beschränkung scheint der Geldbeutel vorzugeben. Allerdings sollte man stets die Raumgröße und die vorhandene oder vorgesehene Möblierung berücksichtigen. Ein Trompe-l’oeil-Muster kommt nur auf großen Flächen mit wenigen Einrichtungsstücken richtig zur Geltung.

Ein achsial ausgerichtetes Fischgratparkett verliert bei schrägen oder gebogenen Wänden seine Wirkung, und ein eher derbe daherkommender Dielenfußboden verträgt sich nicht sehr gut mit verspielten Möbeln oder Dekorationen.
Ebenfalls mit Bedacht sollte man bei Estrichkacheln vorgehen. Im Zuge der immer beliebter werdenden Guss-Estriche mit Versiegelung, die den Räumen zumindest im Bodenbereich einen Loftcharakter mit Industriecharme geben, sind die vor allem zur Jugendstilzeit und in südlichen Ländern noch heute weit verbreiteten Zementfliesen wieder auf dem Vormarsch. In mehreren Arbeitsgängen wird mit Hilfe von Schablonen ähnlich den Ausstechformen für Plätzchen unterschiedlich gefärbter Zementestrich in die einzelnen Felder gegossen. Zuletzt wird die Oberfläche abgeschliffen, und die vorgesehenen Muster erstrahlen in voller Pracht. Zu teppichähnlichen Flächen zusammengelegte gleiche oder bunt durcheinander platzierte Fliesen ergeben dann beeindruckende Böden. Interessant ist dieser Bodenbelag bei individuell gewünschten Farben oder Formen wie zum Beispiel Initialien, Wappen oder dergleichen.
Eine ähnliche Technik wird bei den Terrazzoböden angewandt. Auch sie sind wieder häufiger anzutreffen, da sich immer mehr Handwerksbetriebe auf die Herstellung dieses Belages spezialisiert haben. In einen Guss­estrich werden Kiesel oder sonstige Feststoffe beigemengt und nach dem Austrocknen die Oberfläche abgeschliffen. Auch hier können durch unterschiedlichste Beimengungen einzigartige Wirkungen erzielt werden. Durch Einfärben des Zementes und die Farbe der Kieselsteine kann individuell Einfluss auf das Erscheinungsbild genommen werden. Je größer die Kiesel, desto größer ihre beim Abschleifen entstehende Schnittfläche. Richtig spannend wird es beim Zugeben einfachen Muscheln oder Metallresten oder gar Halbedelsteinen. Perlmuttener Schimmer, golden glänzendes Messing oder eben strahlend blaue Lapislazulikleckse erzeugen eine großartige Optik.
Egal, für welchen Bodenbelag Sie sich entscheiden sollten, stets sollte das Gesamtinventar im Auge behalten werden. Was bleibt an Möblierung bestehen, welche Stücke kommen hinzu? Welche Wand- und Deckenoberflächen müssen beachtet werden, welche werden neu auf den Boden abgestimmt? Was übernehme ich an Dekorationen, welche Stoffe und Accessoires werden neu kombiniert? Ist eine solche Checkliste abgearbeitet, bleibt nur noch die Vorfreude auf das neue Wohngefühl.

 

TEXT: Rainer Güntermann
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